Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Heute tritt das neue Tarifsystem der Bahn in Kraft. Haben wirklich alle verstanden, was das bedeutet? Ist klar, dass es um mehr geht als neue Preise, andere Rabattformen, den Abschied von unserem geliebten Guten Abend-Ticket? Ist bekannt, dass der großartige, bereits von so vielen Menschen hingabevoll verehrte, zärtlich „Bahnchef“ genannte H. Mehdorn uns mit diesem Projekt aus dem Elend führen will und wird, in dem wir uns befinden? Tarifsystem! Preisreform! Hinter diesen Wörtern verbirgt sich ein Projekt der Volkserziehung, dessen Ziele Mehdorn nur deswegen noch nicht vollständig enthüllt hat, weil er die Schwachen, Zögerlichen, Mutlosen unter uns nicht überfordern will. Denn es ist viel, was er verlangt und verlangen muss.

Worum handelt es sich? Man betrachte genau, was Hartmut Mehdorn sich in vielen arbeitsreichen Tagen für uns ausgedacht hat. Das neue System belohnt Menschen mit Kindern, Menschen, die früh buchen, Menschen, die nicht allein reisen. Es bestraft Unpünktlichkeit und Spontaneität. Dahinter steht ein klarer Wertekanon: Wir sollen unser Leben besser planen. Wir sollen viele Kinder haben. Wir sollen diese Kinder immer bei uns haben, auch wenn wir reisen müssen. Selbst auf Dienstreisen sollen wir die Familie nicht zu Hause lassen, sondern mit ihr gemeinsam wegfahren, dann wird alles billiger. Und wir sollen immer auch zurückkehren, günstige Rückfahrkarten lösen, also nicht vergessen, woher wir kommen, uns auf unsere Wurzeln besinnen. Wir sollen, wenn wir irgendwohin verreisen, über den Samstag dort bleiben, das heißt: nicht oberflächlich in die Welt hinaus gehen, sondern sie gründlich betrachten. Und wir sollen uns mit anderen zusammenfinden, wenigstens zu ticketverbilligenden Fahrgemeinschaften – ein Versuch, die grässliche Isolation des modernen Menschen zu durchbrechen.

Wir sollen also die postmoderne Beliebigkeit hinter uns lassen, in der so viele ihr Dasein vergeuden. Nehm’ ich diesen Zug oder jenen, komm’ ich heute oder morgen – Schluss mit den Verheerungen, die unverbindliche Lebenskonzepte angerichtet haben! Aus uns müssen verlässliche Bürger werden. Planen und sparen – sind es nicht diese urdeutschen Tugenden, deren Vernachlässigung uns dahin gebracht hat, wo wir sind? Hätten Rentenversicherungen, Krankenkassen, Finanzminister geplant, gespart: Wir wären besser dran. Ist es nicht großartig, dass die gute alte Bahn das Land in bessere Zeiten führen will? Mag mancher zittern vor dem, was sie von uns erwartet, mag sich dieser oder jener fürchten vor der machtvollen Gebärde, mit welcher Mehdorn tut, was der Kanzler hätte tun müssen: Frage nie mehr, was die Bahn für dich tun kann, frage, was du für die Bahn tun kannst. Dann sind wir auf dem richtigen Gleis.

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