Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Vom Eisbären, dem alten Schädelknacker, hört man immer wieder gruseligste Geschichten. Stöbert man in alten Expeditionsberichten… hier, zum Beispiel: Als der Holländer Barents, nach dem später die Barentssee benannt wurde, 1596 die arktische Eiskappe erreichte und einer seiner Matrosen auf dem Eis herumspazierte, schlich plötzlich „ein großer magerer, weißer Bär“ heran, „biss ihm den Kopf entzwei und saugte sein Blut aus“. Oder hier, ein Bericht des Engländers Scoresby aus dem 19. Jahrhundert: Da holte sich ein Bär einen Matrosen vom im Eis eingeschlossenen Schiff, „packte seinen Gegner mit den furchtbaren Zähnen im Rücken und trug ihn mit Schnelligkeit davon“. Und als 1870 die Deutschen eine Nordpolfahrt ausrüsteten, wurde ein Matrose namens Kletzner von einem Bären übers Eis gehetzt. Er konnte das Tier nur bremsen, indem er Kleidungsstück um Kleidungsstück fallen ließ, keine leichte Entscheidung in Polnähe. Der Bär beschnüffelte die Klamotten, bevor er die Verfolgung fortsetzte. Am Ende hatte Kletzner nur noch Hemd und Hose, spürte die kalte, schwarze Nase neugierig an der Hand und versuchte, dem Vieh verzweifelt seinen Gürtel um den Hals zu legen, um es zu würgen. Da wandte sich der Bär ab und ging…

Rätselhaftes Tier. Bären haben ja wenig Gesichtsmuskeln und nur kleine Ohren; sie können ihre Gefühle nicht durch Mimik ausdrücken wie Hund und Katz‘ – das macht sie undurchsichtig. Eisbärenkenner versichern, nie würde ein Eisbär einen Menschen fressen, das sei nicht sein Ding. Alle Geschichten seien erlogen. Aber weiß man’s? Sie fressen ja sonst alles, Robben sowieso, auch Muscheln oder Schneehasen – der Bärenhunger treibt’s rein. Der berühmte amerikanische Polarfahrer Elisha Kane berichtete einmal, Eisbären hätten eines seiner Vorratslager geplündert und nicht nur Fleisch, Brot, Kaffee gefressen, sondern auch die USFlagge. Das wollen wir nun nicht George W. Bush erzählen, sonst schickt er Flugzeuge, um die Bären Respekt zu lehren.

Oder wird das nicht mehr nötig sein? Ein Eisbärforscher namens Andrew hat dieser Tage in Toronto mitgeteilt, in hundert Jahren werde der Eisbär sowieso ausgestorben sein, wegen der Erderwärmung. Es gebe von Jahr zu Jahr weniger Treibeis, von dessen Schollen aus die Bären Robben jagen. In ihrer Not fallen sie immer häufiger in kanadische Städte ein, um Tiefkühltruhen zu plündern.

Übrigens ist der südlichste Ort, an dem man bisher wilde Eisbären sah, James Bay in Kanada. Das liegt auf dem gleichen Breitengrad wie das bärenkalte Berlin. Wann werden wir Unter den Linden erste Einheimische sehen, Kleidungsstücke von sich werfend, schließlich nackt vor einem Eisbären fliehend, den Gürtel schwingend, bereit, den Ursus zu würgen?

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