Politik : Und was mache ich jetzt?

-

Von Axel Hacke

In Göttingen haben große Deutsche gewohnt, von Bismarck bis Trittin, von Lichtenberg bis zu den Grimms. Nicht allen hat es gefallen. Heine teilte die Bewohner in vier Stände, Studenten, Professoren, Philister, Vieh, „der Viehstand ist der bedeutendste“. Und Gernhardt, der dort zur Schule ging, dichtete über jene, die (nach dem Krieg!) die Altstadt zubetonierten: „Die verzehrn heute ihre Pensionen, / weithin leuchtende Beispiele dafür, / daß sich Verbrechen doch lohnen.“ Erstaunlich, dass Gerhard Schröder, der dort einst in einer Eisenwarenhandlung arbeitete und die Abendschule besuchte, an ein Lied namens „Göttingen“ erinnert, das die Stadt preist: „Paris besingt man immer wieder / Von Göttingen gibt‘s keine Lieder / Und dabei blüht auch dort die Liebe / In Göttingen, in Göttingen.“

Das Lied hat die französische ChansonSängerin Barbara gedichtet. Schröder hörte es 1964, als Barbara in G. den Entwurf vortrug. Er zitierte in Versailles beim Freundschaftstreffen das Erlebnis: Damals sei seine Zuneigung zu den Franzosen erwacht. Man fragt sich: Haben wir je den Franzosen dergleichen gegeben, ein Lied über eine ihrer Städte, mit einem Text voller Poesie, Gefühl? Caterina Valente fällt einem ein („Ganz Paris träumt von der Liebe“), aber die ist in Paris geboren, Bill Ramsey, nun ja („Pigalle, Pigalle, das ist die große Mausefalle…“), und Nana Mouskouri: „La Provence, aus Träumen gemacht - führst du die Menschen zusammen bei Tag und bei Nacht“, sang sie auf deutsch, aber Griechin blieb sie. Und Ramsey wurde erst 1984 Deutscher.

Es ist peinlich. Natürlich gab es Gaby Baginsky mit „Drei Tage Paris“, auch Kilius/Bäumler mit „Honeymoon in St. Tropez“, aber das sind Texte, die eine Freundschaft eher gefährden, nicht zu reden von „Bläck Fööss“ mit „Frankreich Frankreich“, wo sich „nett“ auf „Baguette“, „Jeanette“, „Claudette“ und „Cigarettes“ reimt. Am Schluss klauen Jeanette und Claudette Baguette und Cigarettes, man möchte kein Deutscher mehr sein, es ist grausam. Nirgends ein Lied über Montpellier, Lyon, Nancy. Dabei sind Deutsche spezialisiert auf Städte, Grönemeyer mit „Bochum“, Thommie Bayer mit „Der letzte Cowboy kommt aus Gütersloh“, auch Cliff und Rexonnah mit „Das ganz große Glück im Zug nach Osnabrück“. Sie wissen, dass es kein Bier auf Hawaii gibt, dass Kalkutta am Ganges liegt, sie fahren mit Theo nach Lodz und mit dem Taxi nach Texas. Sang nicht Margot Eskens: „Nur eine Mutter weiß, wo Honolulu liegt“? Heute wissen das auch die Väter, weit gereist, wie sie sind. Ein deutsches Lied über ein französisches Göttingen kennen sie nicht. Aber, hey, Reinhard Mey hat bei den Freunden als Frédéric Mey Karriere gemacht. Auch das hat uns la Grande Nation, scheint‘s, nicht übel genommen. Merci, chérie, dafür.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar