Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Eine Woche lang schon beschäftigt mich ein Satz von Harald Schartau über die Wahlergebnisse in Niedersachsen und Hessen. Schartau ist Chef der SPD in NordrheinWestfalen. Er sagte, was seine Partei nach ihrer Niederlage tun müsse: „Eier dürfen nur noch gezeigt werden, wenn sie gelegt sind, und nicht, wenn man noch dabei ist, sie auszubrüten.“ Tag für Tag habe ich versucht, diese Worte zu kapieren – es gelang mir nicht. Dann wollte ich den Satz vergessen – unmöglich. Er lässt mich nicht los. Was, um Himmels willen, soll die SPD tun? „Eier dürfen nur noch…“ Alle wissen, dass Eier zuerst gelegt, dann (nicht in jedem Fall!) ausgebrütet werden. Schartau formuliert aber, als wäre es umgekehrt. Kann es sein, dass Schartau etwas nicht weiß? Nein, die Pisa-Katastrophe kam erst nach seiner Schulzeit. Und wie wäre es, er wollte sagen, das Heil der Partei liege in einer radikalen Agrarreform, der Schaffung neuer Hühner, die erst brüten, dann legen? Hmmmm…

Es ist ja der Mensch, der Eier im eigenen Leib, wenn man so will – ausbrütet. Dann erst Nachkommen zur Welt bringt und der Welt „zeigt“. Schartau will sagen, dachte ich eine Weile: Lasst uns menschlicher werden, eine humane Partei! Lasst uns kein Hühnerhaufen sein! Dann fiel mir ein: Was der Mensch zeigt, ist ja kein Ei mehr. Es ist ein fertiges Lebewesen. Und das menschliche Ei selbst kann nicht gezeigt werden – es befindet sich im Mutterleib. Der Satz wäre unlogisch. Solche Unlogik würde sich Schartau nie erlauben. Was aber meint er dann? Natürlich ist der Begriff „Ei“ metaphorisch zu sehen: Er deutet (in der unnachahmlich-volkstümlichen Redeweise des Sozialdemokraten) auf die ungeheure Fruchtbarkeit der SPD hin, ihren Reichtum an Ideen, ihre in Jahrhunderten gewachsene, geradezu hybride politische Legeleistung. Ei heißt Reform, Idee. Doch es bleibt: Erst wird gelegt, dann gebrütet.

Es gibt eine Fabel von La Fontaine, in der ein Huhn täglich ein goldenes Ei legt. Der Besitzer jedoch ist gierig. Meint, in seinem Huhn stecke ein Schatz. Erwürgt das Tier, öffnet dessen Leib und zerstört damit seinen Reichtum. Könnte es sein, dass Schartau sich auf diese Geschichte bezieht? Dass er mit „ausbrüten“ die Zeit gemeint hat, in der das Ei noch im Huhn steckt, ein Versehen in der Hektik des Wahlabends? Was würde das bedeuten? Lasst uns nicht unsere gute alte Partei schlachten, in der viele goldene Eier stecken? Oder gar, weiter gefasst: Wir müssen sorgsamer mit dem Staat umgehen, der uns reich machte? Und was bedeutet der unausgesprochene Bezug auf La Fontaine für das Verhältnis zu jenem Lafontaine, der auch dies und jenes ausbrütet? Stoff zum Nachdenken. Und wie schön, dass wir Politiker haben, die so subtil, andeutungsreich, bildreich-verrätselt zu uns sprechen!

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