Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Also, „Bowling for Columbine“ ist für den Oscar nominiert worden, das ist gut, da wollen wir uns erinnern, was die Aussage dieses Films ist. Es geht um die Frage, warum in den USA so viele Menschen mit Waffen getötet werden. Michael Moores Antwort: Weil USBürger so viel Angst haben. Weil es eine Angst erzeugende Industrie gibt, einen Medien-Komplex, der täglich neue Angst produziert und alte schürt. Warum? Weil Menschen, die viel Angst haben, bessere Konsumenten sind. Sie bleiben daheim und kaufen sich größere Fernseher, sie wagen sich nur in einem größeren Auto auf die Straße, sie nehmen im Supermarkt gern etwas Munition fürs Gewehr mit. Und das Gewehr benutzen sie schneller als Menschen anderswo, weil sie eben mehr Angst haben. So ist das. Ein guter Film. Man mag schon den dicken Michael Moore so gern, der mit nichts als der Kamera und guten Fragen bewaffnet auf die Jagd geht. Und dass man wieder über Amerikaner lachen und sie blöd finden kann – das haben viele auch gern bei uns, zur Zeit, mal wieder. Ist ja wahr.

Übrigens wurde doch Angst immer bei den Deutschen diagnostiziert, nicht wahr? German Angst. Was hat denn diese Angst für Folgen?, die in Deutschlands Furchtfabriken täglich hergestellte Angst vor Lebensmittelvergiftungen, Klimadesastern, Bildungskatastrophen, Wirtschaftszusammenbrüchen… offensichtlich führt sie nicht zu Aktionismus, Hyperaktivität, Gewalt – sondern? Behaupten wir: Sie führt zu Lähmung. Zum Rückzug. Zur Depression. Könnte es nicht sein, dass die Unfähigkeit zu auch nur kleinen Reformen eines erstarrten Systems hierher rührt? Dass ein System sich durch Angst selbst erhält? Es sind ja bestehende Organisationen, die von der Angst profitieren, die Gewerkschaften etwa, repräsentiert vom in jeder Hinsicht breschnewhaften Genossen Sommer.

Man könnte von hier aus die gesamte deutsche Politik erklären: Dass wir Politiker haben, die nicht das Geringste wagen, die Meinungen erst erkennen lassen, wenn sie sicher sind, damit nicht auf Widerstand zu treffen. Stoibers meinungscleaner Wahlkampf, Merkels standpunktlose Opposition, Schröders ewiges Lavieren. Immer hat man das Gefühl, die warten, bis die Bevölkerung sich eine Meinung gebildet hat, schließen sich dann dieser Ansicht an oder verstecken konträre Positionen möglichst gut. Niemand steht mehr für etwas. Niemand ist bereit, Konsequenzen zu tragen. Repräsentanten eines angstvollen Landes. Paßt nicht die diplomatische Selbstlähmung in der Irak-Sache dazu? Ja, paßt. Man wünschte sich, es gäbe einen guten deutschen Film über das Thema, über deutsche Angst und deren Folgen, von einem guten deutschen Reporter, einem wie Michael Moore. So einen gibt’s hier aber nicht. Gibt’s nur in den USA.

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