Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Rot ist die Farbe, deren Wirkung man sich am wenigsten entziehen kann – warum? Es muss damit zusammenhängen, dass unser Blut rot ist. Rot ist die Innenfarbe des Menschen, er hat keine Distanz zu ihr. Deshalb wirkt Rot unmittelbar, als reines Gefühl. Rot ist die Liebe, rot ist die Wut. Rot ist die erste Farbe, die ein Neugeborenes sieht, und die letzte, die ein Sterbender erkennt. Rot, hat Kandinsky gesagt, erinnere ihn an den Klang von Trompeten. Niemand kann einen Menschen übersehen, der auf einem roten Teppich steht, nein, wer einen solchen Teppich betritt, erhebt sich über jene, die zurückbleiben müssen. Ein roter Teppich schafft einen magischen Raum, nur so ist seine Erfolgsgeschichte zu erklären.

Sie begann, als Ferdinand und Isabella von Kastilien 1296 Granada erobert hatten und die Würdenträger des unterlegenen maurischen Reiches auf einem roten Teppich empfingen. 300 Jahre später malte Tizian Kaiser Karl V. in schwarzer Hoftracht auf rotem Boden stehend, ohne Krone, Zepter, Reichsapfel – nur der tizianrote Teppich wies auf die Macht des Mannes hin. Als Adenauer 1949 das Besatzungsstatut entgegennahm, sollten nur die drei alliierten Kommissare auf dem Teppich stehen, Adenauer daneben. Doch trippelte er während seiner Rede unmerklich weiter vor, bis er sich auch auf dem Läufer befand. So sah man es dann in den Zeitungen: ein kleiner diplomatischer Triumph.

Heute gibt es keine Staatsempfänge mehr ohne roten Teppich, ob nun Friedenskämpfer Chirac den Diktator Mugabe in Paris begrüßt oder Kanzler Schröder in Berlin seinen lieben Putin in die Arme schließt, der auch gegen den Krieg ist, jedenfalls so lange er im Irak stattfindet, in Tschetschenien sieht er das ja anders. Bei jedem Filmfest von Rang defilieren die Stars auf rotem Sisal an den Fotografen vorbei. Nur bei der 75. OscarVerleihung heute abend wird zum ersten Mal niemand über den Teppich ins Kodak Theatre schreiten. Alle Stars kommen durch einen Nebeneingang. Könnte ja sein, dass sonst einer vom roten Bereich aus ein kritisches Wort über den Krieg verliert. Denn fern im Irak sind die Teppiche aus Bomben.

Als 1900 ein deutsches Schiff eine abgelegene Insel des Bismarckarchipels besuchte, staunte der Kapitän, dass man ihn auf einem roten Kokosläufer begrüßte. Dann entschuldigten sich die Insulaner, sie hätten das Ding leider nur mit Schweineblut gefärbt, „entgegen dem Brauch des weißen Mannes“. Der Kapitän notierte: „Sie glaubten, der Mensch des Abendlandes fordere Menschenopfer!“ Dumme Eingeborene, wie sind sie nur darauf gekommen?

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