Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Was der Mensch nicht alles erfunden hat, um sich das Töten vom Leib zu halten! Mit den bloßen Händen fing es an, dann kamen Pfeil und Bogen, Gewehr, Kanone, Rakete, schließlich der Traum vom computergesteuerten CyberWar. Man tötet, sieht aber das Sterben nicht.

Nun hören wir den Hauptgefreiten Geer aus Sacramento: „Als ich einen Feind getroffen hatte, wand er sich im Dreck. Es war nicht gut.“ Wir lesen vom Soldaten Menard aus Houston: „Keine militärische Ausbildung kann dich jemals wirklich auf das vorbereiten, was im Kampf auf dich zukommt.“ Wir sehen die Bilder der Gefangenen Riley, Shauna, Miller, Edgar, ihre Blicke von unten nach oben, Menschen, die sich unterwerfen wie Hunde, in den Augen nur ein Satz: „Tu mir nichts!“ Wir hören von bevorstehenden Straßenkämpfen. Und verstehen, dass der Krieg dort angekommen ist, wo er immer endet: beim einzelnen Menschen, der tötet und getötet wird.

Ein Bild wie das der amerikanischen Kriegsgefangenen kann man nicht vergessen: Menschen, reduziert auf ein Flehen ums Leben. Warum brennt sich das so ein? Weil es ein purer animalischer Moment ist, Essenz der Angst. Und weil es kein Empfinden gibt, das uns so komplett beherrschen kann: Angst ist das erste Gefühl, das ein Mensch kennen lernt, wenn er auf die Welt kommt. Warum nimmt man ein Neugeborenes auf den Arm, wiegt es? Um ihm die Angst zu nehmen. Bis ans Ende muss es lernen, damit umzugehen, irgendwie.

Mancher wird zwanghaft, sich klammernd an Gewohnheiten. Steht immer um die selbe Zeit auf, geht um die selbe Zeit schlafen, trifft jeden Morgen zur selben Stunde den Verteidigungsminister. Und schaut nicht fern, um der Angst nicht ins Auge sehen zu müssen. Ein anderer wird zum Verbrecher, lässt Nervengas und Doppelgänger produzieren, foltert persönlich jene, vor denen er sich fürchtet. Und schaut fern, um bei anderen die Angst zu sehen, ohne die er tot wäre.

Davon ist niemand frei. So viele demonstrieren gegen den Krieg. Wer wollte das nicht begrüßen? Man erinnert sich indes nicht an Demonstrationen gegen die hunderttausendfachen Morde Saddams. Auch scheint es wenigen peinlich zu sein, dass Putin erlaubt wird, sich als Friedenskämpfer aufzuspielen, obwohl er jeden Tag tschetschenische Zivilisten terrorisieren lässt.

Irak damals, Tschetschenien jetzt: weit weg. Es macht niemandem Angst wie dieser Krieg – weil er uns betreffen könnte, morgen, direkt. Ach, nicht Moral: Angst regiert die Welt.

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