Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Freunde des Karlsruher Sportclubs werden sich erinnern, dass der Verein unter seinem Trainer Winfried Schäfer in den neunziger Jahren mal ein Projekt namens „KSC 2000“ ins Leben rief, dies nachdem die Mannschaft im europäischen PokalGeschehen große Erfolge erzielt hatte – nennen wir nur einen 7:0-Sieg gegen den FC Valencia 1993. „KSC 2000“ sollte die Karlsruher in die europäische Spitzenklasse führen.

Solche Titel waren damals groß in Mode. Jeder, der sein Vorhaben zukunftsträchtig fand, zierte es mit der Zahl 2000. „Super 2000“ nannte man Lebensmittelmärkte, „Wohnen 2000“ Einrichtungshäuser, „Computer 2000“ Fachgeschäfte für den Hard- und Software-Handel. Kaum aber war „KSC 2000“ so richtig im Gange, verlor der Verein 0:5 gegen einen Klub namens Bröndby Kopenhagen, auch dies im Europacup. An diesem Sonntag spielt der KSC gegen den Abstieg aus der Zweiten Liga. So kann es kommen.

Heute ist es nicht mehr so einfach mit der Projekt-Titelei. „Agenda 2000“, das klänge ja nun reaktionär, „Agenda 3000“ wie: Das ist ’ne Sache, die nicht mal unsere Urenkel was angeht. Stattdessen: Agenda zwanzigzehn. Wenn wir die Mehrzahl der Fachleute richtig verstehen, steht in dieser Agenda, was dringend noch dieses Jahr geschehen müsste, 2003, bitte schön. Eigentlich hätte es schon im vergangenen Jahrhundert passieren sollen. Statt dessen: 2010. Vielleicht. Ein bisschen erinnert das an unsere eigene kleine Lebensgestaltung mit Vorhaben wie: Nächstes Jahr gehe ich aber wirklich zur Darmspiegelung; nächste Woche werde ich wohl doch mal mit der Bank reden, ob sie mir einen Aufschub gewährt; morgen muss ich Hannelore endlich sagen, dass ich eine andere habe. Man verschiebt die unangenehmen Dinge auf morgen. Oder übermorgen. Rief man früher frisch und zukunftsfroh „Zwotausend!“, so klingt dieses „Zwotausendzehn“ heute wie: Diese blöde Sache machen wir schon, aber nicht jetzt. Jetzt ist es gerade so gemütlich hier. Jetzt möchten wir daran nicht denken.

So ist es nun immer in Deutschland. Diese Woche hätte man den alten Publikumsbeschimpfer Hartmut Mehdorn entlassen müssen, aber das passte irgendwie gerade nicht, also gab der Kanzler ihm einen neuen Vertrag. Projekt: „Mehdorn 2008“. Unternehmen Zukunft. Wie sagte doch Winfried Schäfer nach der Niederlage gegen Kopenhagen? „Die Mannschaft hat nichts dafür getan, dass es läuft. Das war das Schlimmste. Die Spieler haben sich zurückgezogen, anstatt dagegenzuhalten. Man muss immer für den Erfolg arbeiten – egal, ob man führt oder zurückliegt.“ Er wurde später Trainer in Kamerun, aber ob er dort noch ist? Keine Ahnung, man hört gar nichts mehr.

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