Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Früher gab es ja die kleinen Lebensmittelgeschäfte an der Ecke, in denen alles zu kaufen war, Milch, Dosenbohnen, Briefumschläge. Hinter dem Tresen: Tante Emma. Oder: Herr Proschinsky. Jedenfalls: ein Mensch. Die sind lange weg, vernichtet von der Konkurrenz, den Super und Hypermärkten, mit Regalen bis zum Horizont, tausend Sorten Marmelade und üppig rieselnder Musik. Tante Emma konnte reden, Tante Emma ließ anschreiben, Tante Emma wusste, was beliebte. Aber Tante Emma konnte nicht billig. Das war ihr Tod. Doch ihr legitimer Erbe ist der Kioskbesitzer. Da kommt man rein, er legt ungefragt das richtige Blatt zurecht, greift zu den Zigaretten, die man immer kauft, und sagt: „Geht’s der Frau wieder besser?“ Oder: „Die Diät schlägt aber an, Sie haben ja abgenommen.“ Oder bloß: „Möllemann, was? Unglaublich.“ Dann redet man ein bisschen oder nicht und fühlt sich wahrgenommen in der Welt.

Nun aber spricht Hans-Joachim Körber, Vorstandsvorsitzender der Metro: „Das Grundproblem der großen Handelsketten ist die Anonymität des Kunden. Wir müssen letztlich versuchen, das Gedächtnis des kleinen Kioskbesitzers an der Ecke, der Namen und Vorlieben all seiner Kunden kennt, mit dem Einsatz von Technik nachzuempfinden…“ Hoppala, was heißt denn das? Es heißt: Auch die Metro will sich merken, wie wir heißen, ob wir Tee trinken oder Kaffee, Klopapier superflauschig wollen oder gerne etwas härter und welches unsere Lieblingsschoko ist. Aber wer merkt sich das? Körber selbst? Ein Mann im weißen Kittel? Na, es wird wohl der Computer sein. Und wenn wir eine Erkennungsmünze in den Einkaufskarren schieben – wird er dann knarrend sprechen: „Geht’s der Frau wieder besser?“ Oder: „Hey, Sie haben abgenommen!“ Oder bloß: „Möllemann, was? Unglaublich.“

Vielleicht. Vielleicht wird er auch bloß sagen: „Hallo, ich bin Ihr Einkaufswagen, was kann ich für Sie tun?“ Dann wird er von selbst zur Käse-Theke fahren, weil wir beim letzten Mal Käse gekauft haben, und vor dem Bommerlunder-Regal wird er jammern, wir sollten Bommerlunder kaufen, er wisse genau, dass wir keinen Bommerlunder mehr hätten, unser Eisschrank habe es ihm gemailt. Und zwischendurch wird er uns mit Sonderangeboten vollsülzen. So läuft’s, wir kennen das. Körber sagt, der Kunde wolle als Individuum wahrgenommen werden. Das stimmt natürlich. Aber man muss hinzufügen: Schön wäre es, man würde auch von Individuen wahrgenommen – nicht von Maschinen. Sonst ist es unheimlich, wenn die Metro zuviel weiß. Und, Körber, noch eines! Falls Sie nach den Tante Emmas die Kioske fertigmachen wollen: Lassen wir nicht zu-hu! Nicht noch maaal! Nicht nur Kioskbesitzer haben ein Gedächtnis. Wir auch.

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