Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Besonders seltsam war vergangene Woche, wie Hans Eichel bei „Beckmann“ gestand, einmal einen Joint geraucht, aber nichts verspürt zu haben, „es hatte überhaupt keine Wirkung“. Beckmann fragte nach, ob er wirklich inhaliert habe, aber daran konnte Eichel sich schon nicht mehr erinnern, er habe es versucht, ja, aber „vielleicht ist es auch nicht gelungen“. Niemand konnte mit der Nachricht etwas anfangen in dieser BerlusconiWoche. (In der übrigens noch was anderes nicht erwähnt wurde: In jenem Film, für den Berlusconi dem Abgeordneten Schulz die Rolle eines KZ-Aufsehers anbot, soll Berlusconi selbst eine Hauptrolle spielen – als Mussolini. Er steckt bereits mitten in den Proben.) Wie wäre es aber, wenn Eichel mit der Joint-Geschichte von einem anderen Problem ablenken wollte? Wenn er falsche Fährten legte?

Die Wahrheit ist: Hans Eichel ist zahlensüchtig. Ein Ziffern-Junkie. Er badet täglich in Zahlen, wühlt darin herum wie ein Maulwurf, wirft die Zahlen in die Luft, dass sie ihm nur so aufs Haupt prasseln. Er bekommt morgens die Augen nicht auf, bevor ihm nicht ein Mitarbeiter die neuesten Haushaltsdefizite sowie die Zahlen für die geplante Nettokreditaufnahme aller europäischen Länder ins Ohr geflüstert hat. Er bestellt sich im Hotel ukrainische Nullen aufs Zimmer. Er säuft Buchstabensuppe aus Eimern, ohne Buchstaben natürlich, nur mit Zahlen-Nudeln.

Er ist bloß Finanzminister geworden, um für die Sucht genügend Ressourcen zur Verfügung zu haben, ein Rücktritt hätte katastrophale Folgen für ihn; er müsste wenigstens sofort Bundesbankchef werden. Er braucht mittlerweile täglich lange Etatberatungen, egal mit wem. Er wird rasend, wenn er keine Zahlen zur Verfügung hat, schreit nach einer „Finanzspritze“ und beginnt, am Telefonbuch zu kauen.

Wie konnte es so weit kommen? Hat niemand in der Schule gemerkt, dass Hansi, wenn jeder Schüler sein Lieblingsgedicht nannte, stets ein Sonett des Wieners Gerhard Rühm murmelte, das so beginnt: „Erste strophe erste zeile / erste strophe zweite zeile / erste strophe dritte zeile / erste strophe vierte zeile.“ Hört heute niemand, dass in seinen Reden fast nur Zahlen vorkommen, keine Buchstaben, Wörter, Sätze mehr? Sind wir alle taub und blind?

Bereits beginnt er, bloß in Zahlen zu reden, er ersetzt alle Wörter durch Zahlen, „Eichel“ heißt 1, „Schulden“ 2, „wollen“ 13 und „neu“ 28. Neulich rief er Schröder vom Auto an und sagte: „1 – 13 – 28 – 2.“ Der Kanzler schrie: „Hör endlich auf, Hans, du zerstörst dich!“ Aber Hans hing schon über der Schulter des Fahrers, kicherte und versuchte, den Kilometerstand vom Tacho zu lutschen.

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