Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Was das Fußballerische angeht, so ist die RudiVöller-Rede weitgehend verarbeitet. Doch es geht mir ein halber Satz nicht mehr aus dem Kopf, das ist dies’ verzweifelt hinausgerufene: „… aber ich kann diesen Käse nicht mehr hören…“ Was war das für eine rätselhafte Botschaft inmitten so klarer Worte wie „Sauerei“ und „Scheißdreck“? Wer von uns kann denn Käse hören? Man gehe nur in das nächste Käsegeschäft oder stelle sich vor die Käsetheke im Supermarkt – was hört man? Nichts. Es schlägt einem dieser und jener Geruch entgegen, auch sieht man verschiedene Käsesorten, man fühlt die Kühle, in der sie aufbewahrt werden. Isst man den Käse dann, so schmeckt man ihn. Käse kann vier Sinne ansprechen, aber den fünften? Da ist nichts. Da war nie etwas. Käse kann man so wenig hören wie man Musik sieht oder Glas schmeckt.

Oder? Vor einer Weile berichtete der Armin in der „Sendung mit der Maus“ über die Herstellung von Käse und die Frage, wie Löcher in den Käse kommen. Da konnte man sehen, wie einer auf einen großen, reifen Käse klopfte. Es klang hohl, wegen der Löcher eben. Man hatte kurz das Gefühl, als könne man Käse doch hören, aber wenn man es genau nimmt, hörte man ja nur die Löcher. Der Käse selbst: still. Rudi Völler sagte übrigens, er könne den Käse „nicht mehr“ hören. Das heißt, es gab eine Zeit, in der ihm das Hören von Käsegeräuschen möglich war. War das eine schönere Zeit? Er sagte „diesen“ Käse – es war also vielleicht ein bestimmter Käse, den er vernahm. Was ist aus diesem Käse geworden? Hat jemand ihn gegessen? Hat jemand tatsächlich jenen unglaublichen Zauberkäse verzehrt, der nachts aus dem Völlerschen Kühlschrank sprach, während der Teamchef sich bei einem Bier am Küchentisch entspannte? War es am Ende „dieser“ Käse, der Rudi die Mannschaftsaufstellungen eingab, so dass der Trainer, nachdem der Käse in Schweigen ausgebrochen war, gegen die Isländer die falsche Equipe aufbot? Erklärt das die Verzweiflung des Mannes, seinen Ruf: Wie soll ich eine bessere Elf aufstellen, wenn ich diesen Käse nicht mehr hören kann!? Und: Hat der Käse vor dem Schottenspiel wieder zu reden begonnen?

Man fühlt sich an Michael Endes Bücher erinnert, in denen die Dinge so oft eine Stimme bekommen, an die „Unendliche Geschichte“ zum Beispiel, in der es sogar eine Stimme der Stille gibt, Uyulála heißt sie und singt: „Denn mein Leib ist Klang und Ton,/ hörbar nur allein,/ diese Stimme selber schon / ist mein ganzes Sein.“ Ob so auch der Käse zum Rudi sprach: Denn mein Laib ist Klang und Ton…? Es scheint, als sei die Welt des Fußballs tiefer, geheimnisvoller als wir uns je vorstellten.

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