Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Anfangs dachte ich, bei den HartzAbstimmungen gehe es um die Wurst, aber dann ging es ums Würstchen. Zuerst warnte Frau Skarpelis-Sperk: Wenn man qualifizierte Beschäftigte in schlecht bezahlte Jobs dränge, also, „das wäre so, als wenn der Wirtschaftsminister plötzlich Würstchen beim VfL Bochum verkaufen müsste“. Darauf erklärte der Minister, er sei als junger Mann Würstchen-Verkäufer gewesen, daran sei nichts Ehrenrühriges, er habe sich so das Studium finanziert, „mein Rekord war, über 1000 Würstchen pro Tag zu verkaufen“. Schließlich wurde der SPD-Generalsekretär gefragt, ob er im Fall von Arbeitslosigkeit bereit wäre, Würstchen zu verkaufen. Er sagte: „Ich fände das in Ordnung.“

Wir sehen erstens: Wenn die Not groß wird, ist unser Führungspersonal bereit, richtig anzupacken. Zweitens: In ernsten Stunden besinnt sich das Land automatisch auf seine Grundlagen. In Amerika würde man Millionäre fragen, ob sie bereit wären, wieder als Tellerwäscher zuzufassen. Im Orient würde man wissen wollen, ob die da oben Schuhe putzen würden. Hier heißt es: Würstchen verkaufen? Denn dieses Land ist, sprechen wir es aus, auf Wurst gebaut. Das Würstchen ist eine Säule unserer Daseinsform. Schlackwurst, Bierwurst, Bratwurst, Blutwurst, Fleischwurst, Weißwurst – das ist das Fundament, auf dem wir leben. Deutschland ist einzig unter den Nationen, wenn es darum geht, dieses und jenes in Därme und Häute zu pressen, ja, der Kanzler hat eine Ehe drangegeben, als man ihm den Verzehr von Currywurst untersagte. Das nenne ich Idealismus, das ist: Gespür dafür haben, was das Land braucht! Wie dichtete vor mehr als hundert Jahren der Frankfurter Mundartdichter Stoltze (man lese dies in weich fließendem Hessisch!): „Un die Parrer un Soldate, / Mediziner, Advocate, / Owerlehrer und Professer, / Stadtamtmänner und Assesser, / und der ganze Handelsstand / frisst sei Wörschtsche aus der Hand.“

„Neue Orte der Menschlichkeit“ nannte Heinrich Böll die Imbissbuden. Schrieb er nicht Werke wie „Die Wurst war pünktlich“, „Wo warst du, Wurst?“, „Die Wurst der frühen Jahre“, „Doktor Wursts gesammeltes Schweigen“, „Wurst um halbzehn“, „Entfernung von der Wurst“, „Gruppenbild mit Wurst“ und „Ansichten eines Hanswursten“ – ein ganzes Böllwerk gegen Kaltherzigkeit und Scheinmoral der Wurstfeinde. Wir setzen die Freiheit eines Würstchenverkäufers gegen den Sklavendienst armseliger Existenzen in den Hamburgerfabriken. Sehen wir nicht in Fußballstadien immer öfter Männer mit vor den Bauch geschnallten Wurstgrills? Wer weiß, was sie waren: Minister? Sekretäre? Nun: ambulante Ich-AGs. Niemandes Diener. Das ist die Zukunft, dies sei unser Schwur: 1000 Würste pro Tag!

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