Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Nächsten Samstag wird Boris 36, „zu alt, um nur zu spielen, zu jung, um ohne Wunsch zu sein“, wenn wir aus gegebenem Anlass den Faust zitieren dürfen. Er habe sich mit Goethe beschäftigt, teilt B. in der „Bunten“ mit, „wie Faust suche auch ich immer wieder Herausforderungen“. Sprach man nicht früh schon von der BeckerFaust, die der Junge nach einem Break aus der Hüfte stieß? Ja, das wird dies’ Faustische im Bobbele gewesen sein. Früh angelegte Faust-Identifikation und lange Goethe-Rezeption haben Becker veranlasst, seiner soeben vorgelegten Autobiografie den Titel „Augenblick, verweile doch…“ zu geben. Das Werk ist Opa Franz und Vater Karl-Heinz zugeeignet. Man ist gerührt. Erinnert sich an Goethes Zueignung des Faust: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!“

Und wie J.W.v.G. seinem Werk den „Prolog im Himmel“ voranstellte, so gibt es bei Becker einen Prolog, aber auf dem Sofa. Auch treten darin nicht die Erzengel auf, sondern Noah, Elias und Hund Juey, denen B. aus der Bibel vorliest – worauf Noah, Elias und Juey einschlafen und Becker „ein Glücksgefühl“ empfindet. Das kann jeder Vater nachvollziehen, der nach hartem Tag die Rangen zur Ruhe gebracht hat, dazu mit so gehobener Lektüre. Doch vermeint Becker, der faustisch Sehnende, sogleich, den Teufel im Raum zu spüren: „Holt Mephisto jetzt etwa meine Seele, weil ich in diesem Moment genau das empfinde, was Faust niemals empfinden zu können behauptete und worauf er sein Leben verwettete?“

Hey, denkt man, das ist wie bei Deutschlehrers zu Hause! Wenn ich für jene, die den Faust nicht präsent haben, zitieren darf, was er im Studierzimmer zu Mephisto sagt? „Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!“ In Beckers Buchtitel wird das zu „Augenblick, verweile doch…“ Böswillige hören den Leimener, wie er an einer Bar sitzt, ein Gretchen geht vorbei, und „der erfahrene Jäger“ (Selbstbezeichnung, Seite 304) sagt im herrlichen Leimenerdeutsch: „Ähm, Augenblick, verweile doch…“ Aber wer die Auftritte bei Gottschalk und Kerner sah – wie kann er böswillig sein! Da saß der vom Augenblick, den Weibern und überhaupt dem Leben Gelockte, und erklärte noch bei „Wetten, dass…“, auch jetzt und hier empfinde er ein Festhaltenwollen… Ach, man stelle sich vor, B. würde in einer Show vom Teufel selbst in Fesseln geschlagen! Schließen wir mit einem Becker aus der Bunten: „Am Ende des Tages sind auch Tennisspieler Menschen, die in langen Nächten Neigungen haben.“ Wie gesagt, bald ist er 36. Manchmal wünscht man, er würde erst mit 70 Wimbledon gewinnen. Hätte noch Großes vor sich, nicht bloß Shows, Ehen und Geschäfte.

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