Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Angenommen, wir lägen auf einem Hotelbett. Angenommen, wir hätten die Augen geschlossen, wären aber wach. Angenommen, wir wüssten nicht, in welchem Land wir sind (weil wir verschlafen sind und/oder als berühmte Tennisspieler jede Woche an einem anderen Ort aufwachen) wie bekämen wir es heraus? Wir lauschen. Singt da wer auf der Straße. Italien! Gurren Tauben, plätschert Wasser? Venedig. Oder der Autoverkehr: viel Hupen? Frankreich? Dann, plötzlich, eine Polizeisirene.... Ein Jaulen, wiuwiu? Amerika. Ein heiseres Piepen? Japanische Polizei! Oder ein gruseliges Huhuhuhu? Brasilien. Nein, wir hören: Tatütata – ach, es ist doch unser liebes Deutschland! Oder vielleicht die Schweiz, ja, dort haben sie auch das Tatütata. Sonst eigentlich nirgends.

Man sieht: Es gibt eine akustische Identität von Gesellschaften. Früher hätte man auch vom Telefonläuten her auf den Aufenthaltsort schließen können – vorbei. Im Bereich der Klingeltöne herrscht seit Jahren Anarchie. Die zentrale Rolle spielen heute: Polizei, Feuerwehr, Krankenwagen. In dem Zusammenhang ist nun von Interesse, dass die deutsche Polizei, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, ihr Tatütata durch ein zweites Geräusch ergänzen will, das amerikanische Wiuwiu,

„Yelp“ nennt es der Fachmann. Hessens Polizei nutzt den Ton bereits. Und während Tatütata - „Sondersignal für bevorrechtigte Wegbenutzer“, wie der Gesetzgeber unnachahmlich formuliert - weiterhin Polizisten dient, sich einen Weg zu bahnen, soll der große Jaul Verkehrsteilnehmer auffordern anzuhalten. Man staunt: Das war noch gar nicht aufgefallen, dass die Tatütatisten Probleme hatten, Leute anzuhalten. Und wie rasch das geht, abseits der Öffentlichkeit, geradezu lautlos! Für jeden Kram gründet man jahrelang debattierende Kommissionen, aber dem guten alten Martinshorn rückt man in aller Stille zuleibe. Demnächst wird die Feuerwehr ihr eigenes Geräusch haben wollen, ein heiseres Feuerfauchen, dann der Notarzt, natürlich ein „Aua-aua-auaaaa“. Darauf wird die Polizei, der Freund und Yelper, ihren akustischen Auftritt weiter spezifizieren. Es wird Geräusche geben für „Dürfen wir mal Ihre Papiere sehen?“ bis „Haben Sie getrunken?“ Schließlich wird einem die Höhe des Verwarnungsgeldes per Signalton mitgeteilt. Und jeder Großpolitiker, der mit Heulkolonne durch Berlin rast, wird ein Sondergeräusch wollen, der Kanzler kommt dann mit „Schrö-höhöhöhöööö“.

Am Ende werden Behörden dazu übergehen, täglich neue Horntöne aus dem Internet auf die Polizeiautos herunterzuladen, es wird ein babylonisches Signalgewirr geben. Wir werden weinend in Hotelbetten liegen und wissen: Das da draußen, dieses Heulen, Yelpen, Kreischen, Jammern, Klappern - es kann nur Deutschland sein.

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