Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Das war im April dieses Jahres: Der amerikanische Autor Hart Seely entdeckte in den täglichen Äußerungen Donald Rumsfelds vor dem PentagonPressekorps eine ungeahnte poetische Kraft, einen Rhythmus und eine Tiefe, die ihn veranlassten, den Zeilenfall Rumsfeldscher Sätze so zu ändern, dass Gedichte entstanden. „Ein Geständnis“ zum Beispiel: „Gelegentlich, / Stehe ich hier, mache irgendwas, / Und ich denke: / ,Was um alles in der Welt mache ich eigentlich hier?’ / Es ist eine große Überraschung.“ Seely schrieb im Internet-Magazin „Slate“ über die Paradoxie Rumsfeldscher Lyrik, die sich in spielerischer Sprache dem Dunkelsten zuwende: Krieg, Terrorismus, Tod. Wenig später veröffentlichte die „FAZ“ einige der Gedichte auf Deutsch, und Frank Schirrmacher schrieb darüber: „…verkörpern eine subtilere, gleichsam abendländische hermeneutische Desorientierung“.

Eine große Entdeckung: dass da mitten in all dem entschlossenen Gehabe, dem Widerspruch nicht duldenden Auftritt des Welt- und Kriegspolitikers eine tiefe, nahezu unbewusste Ratlosigkeit offenbar wurde, eine geradezu alteuropäische Gebrochenheit. Es haute einen vom Hocker. Hier, bitte, „Die Unbekannten“, noch ein Beispiel: „Wir kennen das alle, / Es gibt bekannte Größen, die bekannt sind, / Es gibt Dinge, da wissen wir, dass wir sie wissen. / Wir wissen auch: / Es gibt bekannte Unbekannte. / Das heißt, / Wir wissen, dass es gewisse Dinge gibt, / Die wir nicht wissen. / Es gibt jedoch auch unbekannte Unbekannte, / Diejenigen, bei denen wir nicht wissen, / Dass wir nichts wissen.“ Atemraubend: dass der nach Fakten gierenden, allem Lyrischen abholden Pressemeute etwas vorgetragen wurde, das – wenn man es nur sah – existenzialistische Grübelei war, noch dazu in sprachlichem Duktus, der Kenner wie Seely an den großen William Carlos Williams erinnerte (dem freilich die Borniertheit eines Bush jr. tief zuwider gewesen wäre) und an Williams’ Schüler Frank O’Hara: „Türme, o endlich! / Stiche in den dunstigen Himmel, / Macht, die ich so liebe.“

Poesie entsteht hier aus alltäglichem Reden, Rhythmus folgt nicht Regeln, sondern dem Atem des Sprechenden. Das unbekannte Unbekannte! Es gibt Rumsfeld-Lyrik, die man sich von Lou Reed gesungen vorstellen könnte. Aber es sind eben gerade Person und Habitus des Vortragenden, die ihre Wirkung verstärken. Enttäuscht hat man diese Woche gelesen, dem Verteidigungsminister sei für „Die Unbekannten“ in England ein Preis für die unsinnigste Äußerung des Jahres zuerkannt worden. Zweiter Preis: Arnold Schwarzenegger für „Ich glaube, dass die Schwulen-Ehe etwas ist, das einem Mann und einer Frau vorbehalten sein sollte.“ Da ist Rumsfeld eindeutig im falschen Wettbewerb gelandet, veranstaltet von Leuten, die nicht wissen, dass sie nichts wissen.

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