Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Jahrzehntelang ging das in deutschen Familien so, dass irgendwann weit vor Weihnachten einer zum anderen sagte: „Diesmal schenken wir uns aber nichts!“ Gern gab man das im Bekanntenkreis mit leicht triumphierendem Unterton bekannt: „Also wir…. Wir schenken uns diesmal nichts!“ Man erzählte, wie satt man den Rummel jedes Jahr habe. Wie einen die offen zutage tretende Gier, der scheußliche Kommerz, die nackte Verwirtschaftlichung des Lebens im allgemeinen und dieses schönen Festes im besonderen ekle. Wie man sich auf den wahren Charakter des Christfestes zu besinnen gedenke, ja, das Leben insgesamt einfacher zu gestalten plane. Manche hielten das ein Weihnachten lang durch, bei dem ihnen aber auffiel, dass so ein Heiligabend ohne Geschenke „nichts Richtiges“ sei. Andere hatten doch unterm Baum „eine Kleinigkeit“ in petto. Kurz: Es wurde nie ernst gemacht.

Bis jetzt. Nun liest man, der Deutsche plane, einer Umfrage der Postbank zufolge, nur 349 Euro für Geschenke auszugeben, 2002 waren es 508, und das war kein dolles Jahr. Bitte, der Ire investiert 604 Euro! Die Briten insgesamt gäben, einer Untersuchung der Lloyds Bank zufolge, drei Milliarden allein für „unerwünschte Geschenke“ aus, Nasenhaarschneider, Billigparfums, Nippes – um wie viel mehr für erwünschte! In Londons Oxford Street, so hat der Wissenschaftler Sigman herausgefunden, rempeln sich Weihnachtseinkäufer 114 Mal pro Stunde an; die Leute kommen mit blaugeschlagenen Körpern heim, aber schwer beladen. Hingegen in deutschen Fußgängerzonen: Leere. Verzweiflung. Verkäuferschluchzen.

Die Sprecher der Einzelhandelsverbände erinnern uns dringlich an unsere gesamtwirtschaftliche Verantwortung. Die Geschäfte locken mit Rabatten, die man nicht für möglich gehalten hätte. Die Ladenbesitzer schenken beinahe selbst alles her. Sie flehen uns um Besuche an. Sie warnen sich gegenseitig, nicht zu tief zu gehen mit den Preisen: Der Verbraucher gewöhne sich dran. Sie wollen nicht aufgeben. Ob wir nicht von der wunderbaren Steuerreform gehört hätten, die zwar erst 2004 …? Sie böten aber günstigen Kredit. Die Bevölkerung bleibt hart. Man hat das Gefühl: Diesmal wollen die Deutschen es wissen. Diesmal schenken sie sich nichts. Fast nichts. Paar Kekse. Eine CD. Ein Bilderbuch. Vielleicht wollen sie sich am Einzelhandel auch rächen? Dafür, dass nach Einführung des Euro (einer Studie von Verbraucherforschern zufolge) die Preise etwa für Filtertüten von umgerechnet 81 Cent auf 1,69 Euro stiegen und die für Ketchup von 1,68 auf 2,69 Euro. Kann sein. Kann sehr gut sein. Da ist ja einiges zusammengekommen. Dieses Jahr schenken wir uns jedenfalls nichts. Fast nichts. Wirklich nicht. Es ist ernst.

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