Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Für alle, die „Nature Neuroscience“ nicht regelmäßig lesen, folgende Nachricht: In dieser Zeitschrift haben Francesco Pavani und Umberto Castiello von der Universität Trento ein Forschungsergebnis mitgeteilt, wonach der Mensch seinen Schatten unwillkürlich als Bestandteil seines Körpers ansehe, als Körperteil wie Arm und Bein. Pavani und Castiello testeten Erwachsene und deren Reaktionen, sobald einer ihrer Finger berührt wurde. Sie platzierten Blinklichter mal neben den Händen, mal neben den Schatten dieser Hände. Die Menschen bemerkten, derart irritiert, Berührungen verzögert – und zwar egal, ob ein Lämpchen neben der Hand oder neben dem Schatten blinkte. Ersetzte man den Schatten der eigenen Hand aber durch einen fremden Handschatten, war ihre Reaktion präzise und schnell.

Was ist daran so interessant? Also, erstens ist alles interessant, was mit Schatten zu tun hat. Einige der faszinierendsten Fragen unserer Kindheit betrafen das Wesen des Schattens: Kann man ihn unter Erdhaufen begraben? Was macht ein Schatten, wenn er einen anderen trifft? Legt er sich über ihn? Gehen sie ineinander über? Wenn ich das Licht ausschalte und wieder ein: Sehe ich dann denselben Schatten wieder oder einen anderen? Wo ist mein Schatten, wenn es dunkel wird? Solche Sachen. Einige der schönsten Werke der Philosophie wie der Literatur beschäftigen sich mit Mensch und Schatten. Platons Gespräche mit Skia, seinem Schatten. Chamissos Geschichte von Peter Schlemihl, der dem Teufel seinen Schatten gegen ein Glückssäckl verkauft, das immer mit Dukaten gefüllt ist: Trotz seines Reichtums verfällt der Schattenlose der Ächtung durch die Mitmenschen, ja, er verliert die geliebte Försterstochter Mina. Und Peter Pan! Dessen Schatten bleibt in einem Fenster hängen, und Frau Darling rollt ihn ein und verstaut ihn im Schrank.

Übrigens erzählt man sich in Polynesien die Geschichte vom Krieger Tukaitawa, dessen Kraft mit der Länge seines Schattens wuchs und schwand. Seine Feinde mussten nur die Mittagszeit abwarten, da war Tukaitawa nur ein Schatten seiner selbst und leicht zu töten. In Italien sagt man: Das Kind, auf dessen Schatten man trete, wachse nicht mehr. Im Altertum glaubte man, dass der, dessen Schatten von einer Hyäne berührt werde, Lähmung zu fürchten habe. Was bedeutet das alles? In solchen Geschichten, schreibt Roberto Casati in seinem Buch über „Die Entdeckung des Schattens“, verhalte sich der Schatten „wie ein lebenswichtiges Körperteil, etwa das Herz, und muss folglich geschützt werden“. Der Schatten – ein Körperteil? Ist es nicht das, was Pavani und Castiello nun bewiesen haben? Tja, aber wir wussten es schon, aus sehr alten Geschichten wussten wir’s schon.

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