Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Das geht nun schon eine Woche so, Tag für Tag. Ein Mensch namens Küblböck wird mit 30 000 Kakerlaken übergossen. Ein Frau namens Beil steigt in einen stinkenden Tümpel. Ein Mann namens Cordalis frisst einen Käfer. Und jeden Tag steht das auf Seite 1 von „Bild“. Und es gibt keinen Medienwächter, der sich nicht empört hätte. Keinen Tierschützer, der nicht die Einstellung der Sendung verlangt hätte. Keinen Psychologen, der nicht befragt worden wäre. Keinen Feuilletonisten, der nichts geschrieben hätte. Es rumpelt und rollt und pfeift und tutet die ganze große Öffentlichkeitsmaschine, jeder arbeitet auf seinem Posten, hier die Entrüstungsspezialisten, da die Seelenverwurster, dort die Schlagzeilenschneider und ihre Krachmacher, auch die Grübler vom Dienst haben geschrieben, was ihnen einfiel. In der „Welt“ staunte einer „über die eigene Niedertracht“, es sei seltsam, schrieb er, man bekomme „sofort gute Laune, wenn die Fernsehfuzzis leiden“.

So ist das ja immer, jeder tut, was er kann, und am Ende reibt sich nur einer die Hände, das ist der Fernsehproduzent. Alles, was Lärm ist, ob für ihn oder gegen ihn, nützt seiner Sache, treibt das Interesse in die Höhe, bringt die Quote hoch und höher, spült frisches Geld in seinen Säckel – und wenn sich niemand fände, der seine Sendung widerwärtig, niederträchtig und einstellenswert fände, dann würde der Produzent diesen Job auch noch selbst erledigen. Was soll man da tun? Was soll man tun gegen Leute, die tatsächlich nicht davor zurückschrecken, armselige Aufmerksamkeitssüchtige wie den kleinen Küblböck oder Susan Stahnke in ein Lager zu schicken und ihre Essensversorgung von den Abstimmungen eines anonymen Publikumspöbels abhängig zu machen? Die bereit sind, jede, aber auch jede Erkenntnis der Massenpsychologie über die Ekelhaftigkeit des Menschen unter bestimmten Bedingungen in die Tat umzusetzen – immer vorausgesetzt, es ist Geld damit zu verdienen. Die gleichzeitig behaupten, die Mitwirkenden seien doch alle freiwillig dabei, wohl wissend, dass es um die Freiwilligkeit der im Dschungel versammelten Medienjunkies so bestellt ist wie um die von Alkoholikern am Schanktresen.

Was soll man tun? Sich lustig machen? Ironisch sein? Wütend? Ach, man schweigt am besten. Man ist vielleicht ganz einfach still und traurig. Diese Geschichte hier ist so abstoßend, so bar jeder Menschlichkeit und jeden Mitgefühls, so falsch und verlogen, so außerhalb von allem, was wir uns für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft vorstellen, dass man sie nur stumm mitansehen kann, dass man sein Mitleid und seinen Ekel dieses eine Mal für sich behalten muss und zum letzten Recht des Menschen in der Mediengesellschaft greift, zum Recht auf Notwehr: zum Schweigen.

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