Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Allein in einem Turm zu leben, mitten im Meer. Umtost von, nun ja: turmhohen Wellen, die in die obersten Wohnräume dringen und Mobiliar in die wilde Nacht hinausspülen. Umblasen, umjammert, umheult, umjohlt von einem Sturm, der dickstes Gemäuer zittern und schwanken lässt. Wochenlang abgeschnitten von Versorgung und Gespräch – das ist eine der seltsamsten Existenzformen, welche die Welt dem Menschen zu bieten vermag. Den Leuchtturmwärter haben wir uns als melancholisch sich den Elementen ausliefernden, mit endloser Geduld verharrenden Mann vorzustellen. „Nichts beunruhigt dich. Du gewöhnst dich einfach so sehr daran, dass du es dahinfließen lässt. Da ist das Harte, das Glatte, das Schreckliche und das Allerschlimmste, und du nimmst es einfach alles hin.“

Das hat Angus Hutchison gesagt, der letzte der schottischen Leuchtturmwärter. 1998 verließ er Fair Isle South, seinen Turm, für immer. (Wussten Sie, dass alle bedeutenden Leuchttürme Schottlands über vier Generationen von Angehörigen der Familie Stevenson gebaut wurden, bis hin zum dann endlich vom Fernweh übermannten Robert Louis Stevenson, richtig: dem Autor der „Schatzinsel“ und von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“?)

Na ja, 1998, da war der letzte deutsche Wärter, Ferdinand Denzienen auf dem Klintbarg über der Eckernförder Bucht, schon zwölf Jahre außer Dienst. Wer demonstriert gegen die Automatisierung der Leuchtfeuer, die Entmannung aller Türme, das Aussterben eines Berufs? Über Jahrhunderte schürten Männer Feuer in den Türmen, wienerten Spiegel, putzten Lampen, leuchteten Seeleuten heim. 101 Tage lebte Noel Fouquet allein auf Ar-Men, weit vor der bretonischen Küste – man kam im ewigen Sturm nicht an ihn heran mit Boot und Brot und Ablösung. Drei Monate verbrachten zwei Männer namens Mandolini und Terracini aus gleichen Gründen auf La Vieille, ganz in der Nähe. Und 1882 starben während eines 41-Tage-Sturms drei Wärter auf Vlieland vor Holland. Immer wieder stand die hochgehende See zwischen ihnen und den Booten. „Sie mürbten das Leder ihrer Stiefel in Öl, würgten es so herunter – bis auch den Letzten der Arm des Todes umfing“, schrieb der Chronist.

Nun sind zwei der letzten Leuchtturmwärter Frankreichs abgetreten, und es gibt nur noch einen einzigen – den allerletzten Angehörigen des ohnehin einsamsten Berufs der Welt. Er richtet den Blick von Cordouan an der Biskaya auf den Atlantik, das ist der prachtvollste Turm der Geschichte, eines der schönsten Beispiele französischer Renaissance-Architektur, erbaut 1584 bis 1611 von Louis de Foix. Die Vollendung des Gebäudes erlebte Foix nicht mit. Er verschwand 1602, tief schwermütig geworden, spurlos.

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