Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Was das Leben angeht, so kann es wild und gefährlich sein, aber auch ein langer ruhiger Fluss. Was ist besser? Ja, wer’s wüsste… Nicht wenige unter uns versuchen, beides zu vereinbaren. Sie schreiten von Besoldungsstufe zu Besoldungsstufe, gehen regelmäßig mit der Frau zum Essen, bringen die Kinder zur Schule – aber nebenbei arbeiten sie für einen ausländischen Geheimdienst, lassen sich von einer Domina den Hintern versohlen oder klauen im Baumarkt Duschschlauchverbindungsstücke. Und wer erinnert sich des braven britischen Abgeordneten, der nackt mit einer Plastiktüte über dem Kopf und einer Orange im Mund tot gefunden wurde, Opfer verzweifelter Suche nach sehr speziellen Kicks? Es soll Männer geben, die zwei komplette Ehen inklusive Nachwuchs parallel führen, eine langweiliger als die andere – und dennoch ist ihr Leben spannender kaum zu denken, weil die eine Frau nichts von der anderen weiß.

In Wolfgang Hildesheimers Roman „Tynset“ gibt es einen Mann, der wahllos Namen aus dem Telefonbuch sucht, die Leute anruft und etwa sagt: „Herr Huncke, hören Sie mir jetzt bitte gut zu: Es ist alles entdeckt. Alles, verstehen Sie?“ Die Leute fragen kurz nach: „Wirklich alles?“ Oder: „Auch Depot achtzehn?“ Oder gar: „Wer spricht dort? Skowronek?“ Dann packen sie ihre Sachen und hauen ab ins Nirgendwo oder fliehen sogar Hals über Kopf und kofferlos. Ach, das Doppelleben ist die am weitesten verbreitete Art zu leben.

Nicht so ist es mit dem Vorleben. Ein Vorleben gehabt zu haben, verlangt eine andere Charakterstruktur als jene, über die der Doppellebner verfügt. Wo er plant und überlegt, da hat der Vorlebner längst drauflosgehandelt, mit Steinen auf Polizisten geworfen oder in Pornofilmen mitgewirkt – Dinge, die er nie getan hätte, hätte er gewusst, dass er im bürgerlichen Leben landen würde. Aber er wusste es nicht. Er wollte es nicht mal. Es hat sich bloß ergeben. Das berühmteste Vorleben im Lande hat zweifellos der Außenminister Fischer. Ist er nicht der beliebteste aller Politiker? Und warum? Weil genau das Unüberlegte und Emotionale (der Mann ist anscheinend stracks auf dem Weg in die fünfte Ehe!) den Leuten so zu Herzen geht. Sie hätten es selbst gern und haben es nicht. Wenn man liest, dass jene faden Kerle von der Opposition, die dem Mann seine gewalttätige Vergangenheit vorwerfen, in Interviews gern darauf hinweisen, sie hätten auch mit 13 hinterm Busch eine Zigarette geraucht und dabei die „Stones“ gehört – es rührt einen an, und sie tun einem Leid. Ein Vorleben lässt sich nicht nachholen, das ist ihr Pech. Wie kam ich auf das Thema? „Bild“ meldet, Sibel Kekilli, „die süße Film-Diva“ mit dem Goldenen Bären und dem Vorleben als Pornoheldin, sei „der neue Männerschwarm“. Pssst: große Zukunft, die Frau!

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