Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Jahrzehntelang hatten wir (oder hatte jedenfalls ein Teil von uns) eine Hauptstadt namens Bonn. Von der hieß es, sie sei ein „Treibhaus“, seit Wolfgang Koeppen 1953 einen Roman gleichen Namens veröffentlicht hatte. In diesem Treibhaus, sagte man, gediehen Pflanzen, die anderswo nur kümmern würden. Nur im speziellen Bonner Klima seien gewisse Formen der Hysterie, wuchernde Intrigen und das knöterichhaft rasche SichAusbreiten von Gerüchten zu beobachten. Würde man dieses Treibhaus endlich verlassen, hieß es, würde man aus den rheinischen Glashaustropen ins raue Berlin ziehen, dann wäre es schnell vorbei mit alledem. Da wäre es aus mit der schrecklichen Selbstbezogenheit unserer Politiker, mit ihrem immer währenden Untersichsein, dann würden sie konfrontiert mit der: Wirklichkeit. Mit den Menschen. Den sozialen Tatsachen.

Das war 1991, als man dies dachte. Und nun haben wir diese irre Woche hinter uns. Geheimtreffen in voller Öffentlichkeit. Nachtsitzungen im Rampenlicht. Über die Bürgersteige schlitternde Dienstwagen voller Parteivorsitzender. Übernächtigte Ichwillnach-Hause-Gesichter. Surreale Welt im Blitzlichtschein, bei deren Betrachtung man denkt: Lieber Gott, mach, dass mich nie nachts um zwei eine Frauenstimme anruft und sagt: Sie wer’n Bundespräsident! Oder dass eine Rotweinstimme brummt: Könn’ Sie ab morgen den Verkehrsminister machen, Stolpe kricht das nich’ gebacken?! Man vergisst ja, dass vor, nach und neben Köhler so an die zwanzig, dreißig Menschen sich zumindest kurzfristig mal Gedanken darüber machen mussten, ob sie nicht im Bellevue… Wer will denn das? Dies’ ewige Zurverfügungstehen? Dieses Abrufbarsein? Würde es übrigens nicht zur Statur eines Kandidaten gehören, dass er (statt den Polit-Hiob zu geben) ab einer gewissen Zumutungs-Stufe sagt: Ich verzichte. Mach nicht mehr mit. So geht ihr mit mir nicht um! Wär’s nicht genau das, was man von einem möglichen Präsidenten erwartet? Dass er sagt: Unter solchen Bedingungen will ich nicht Präsident sein. Das ist offenbar nicht möglich. Das kommt nicht vor bei jenen, die ihr Leben in einem System verbracht haben, das wir „Politik“ nennen.

Wo waren wir? Bonn. Interessant ist ja, dass in Berlin eben nichts anders geworden ist. Nur schriller und irrer. Wo trafen sich Merkel, Stoiber, Westerwelle? In der Wohnung des Letztgenannten. Gehäuse eines Bonners in Berlin. Krawattenmann des Jahres 2001. Träger des ersten Preises in der Kategorie „Business“ beim diesjährigen Anzug-Wettbewerb der Zeitschrift „Men’s Health“. Hey, was haben wir hier? In der Größe des Berliner Raumes explodierte Provinz? Oder hieß das Treibhaus nie wirklich „Bonn“, sondern einfach „Politik“?

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