Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Irgendwo war jetzt vom Beckenbauer zu lesen, er habe gesagt, die Wildmosers – sie täten ihm Leid. Beckenbauer!, denkt man, willst du dem vielen Schmarrn, den du schon geredet hast, weiteren hinzufügen? Es geht um 2,8 Millionen! Betrug, Untreue, Bestechlichkeit. Schamlose Gier. Wer soll einem Leid tun? Der freigelassene Senior? Der inhaftierte Junior? Leute, die in einem Fußballverein die erbliche Monarchie einführen wollten? Und von denen sich mancher anscheinend nur zu bereichern gedachte? Bitte, überall war zu lesen, der Vater habe einen 18Stunden-Tag gehabt, er werde schier verrückt, wenn er nicht arbeiten könne, und andererseits hätten Arbeit und ungesundes Leben ihn krank gemacht, Magen, Diabetes… Der Sohn habe in neun Jahren keinen Urlaub gehabt. Ihre Schreibtische hätten im gleichen Zimmer gestanden, und als sie mal eine Weile nicht im gleichen Zimmer hätten stehen können, sei es schrecklich gewesen für beide (nicht für die Schreibtische, für Vater und Sohn). Aber das ist ja ihr Problem, oder?

Nun sind sie getrennt von Schreibtisch und Bett, das geht in Ordnung angesichts der Sachlage. Ein seltsames Paar. Der Sohn hat vom Vater immer gesagt, „der Pa“ sei die „absolute Persönlichkeit, er ist mein bester Freund, ihm kann ich alles anvertrauen“. Man denkt an Hessen-Koch – hatte der nicht über seinem Bett ein Plakat des Vaters hängen? Hat der nicht mal auf die Frage, was ihn von seinem Vater unterscheide, geantwortet: „Nichts.“ Der Wildmoser-Vater nannte seinen Sohn den „Heinzi“, auch als der schon vierzig war. Er vererbte ihm sogar seine Frisur, und als der eine sich ein „hochpreisiges Kabriolett“ kaufte, tat’s der andere ihm gleich nach. Sohn trank Kaffee, wenn Vater Kaffee trank, und rauchte, wenn Vater rauchte. Max Strauß fällt einem ein, der wollte seinem Vater auch ähnlich sein, aber es ging nicht, er schaffte es nicht, ein eigenes Leben zu führen, und nun sitzt er in Augsburg vor seinem Richter und stiert ins Leere.

Diese so genannten Patriarchen… Ihre Söhne eifern den Vätern nach, noch wenn sie selbst längst Väter sind – und allein in dem Wort „nacheifern“ liegt schon das Vergebliche, Mindere. Wer sein will wie ein anderer, wird immer weniger sein, das ist logisch, das Heinzihafte wird ihn nie verlassen. Und diese Väter: wirken bullig und voller Kraft und brauchen doch irgendwie diesen Sohn neben sich, von dem sie wissen oder wollen, dass er sie nie übertreffen wird. „Immer Kampf, immer Krieg, immer Sieg“, hat Joachim Unseld im „Stern“ über seinen Vater, den toten Suhrkamp-Verleger, gesagt. „Er konnte sich nicht zurücklehnen, entspannen, mal lachen, frei sein… Bei ihm hieß es immer: Ich muss. Ich muss. Ich muss.“ Überall Wildmoser-Variationen. Was ist es, was man spürt? Etwa doch: Mitleid?

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