Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

In der Schweiz wird in diesen Wochen der 100. Geburtstag des Müslis gefeiert, hört man. Gleich stellt man sich vor, wie riesige Geburtstagsparaden durch Zürich rollen und jubelnde Schweizerbürger sich mit einem Konfetti aus allerhand Geschrotetem sowie Leinsamen und gedörrten Bananenscheiben bewerfen. Wie der Schweizer Bundespräsident zu einem Festvortrag über „Müsli und Neutralität“ ausholt. Wie sich hunderte von uralten Extremgesunden zum Bankett setzen, dessen Speisekarte nach einer Potage au Müsli sowie einer MüsliTerrine schließlich ein Müslifilet an zwei verschiedenen Joghurtsaucen verspricht, als Dessert dann dreierlei Müsli-Mousse nach Art des Chefs. Das Müsli ist ja sozusagen der Schweizer Beitrag zur Weltesskultur schlechthin, obwohl man es seltsamerweise (im Gegensatz zur Schoggi und dem Emmentaler) gar nicht mehr als etwas genuin Schweizerisches sieht. Eher schon als etwas Deutsches.

Weit über die Welt des Essbaren hinaus steht „Müsli“ ja heute, nach hundert Jahren, nahezu für einen ganzen Menschentypus, mit dem sich kürzlich der alte Freund T. identifiziert sah: Wurde er nicht in der S-Bahn aus einem Haufen von Hertha-Fröschen heraus als „Du Müsli!“ angesprochen? Ja, das wurde er. Möge er hundert Jahre alt werden! Übrigens ist das Müsli viel älter als hundert Jahre, das wissen auch die Schweizer. Sie feiern nur den Tag, an dem der Doktor Maximilian Bircher-Benner sein Sanatorium „Zur lebendigen Kraft“ am Züriberg eröffnete und dabei noch einmal die Prinzipien eines gesunden Lebens predigte: früh schlafen gehen, früh wieder aufstehen, viel Bewegung an der frischen Luft – diese Sachen eben.

Und natürlich Müsli essen, „Sonnenlichtnahrung“, langsam kauen, sorgfältig einspeicheln. Thomas Mann erholte sich 1909 hier oben von der Geburt seines zweiten Sohnes und einer chronischen Verstopfung und grüßte einen Freund als „Gras fressenden Nebukadnezar, der im Luftbad auf allen Vieren geht“. Aber es half! Bircher-Benner hatte sein Bircher-Müsli schon 1900 der Öffentlichkeit vorgestellt, und seinerseits bezog er sich auf ein Essen, das seit Jahrhunderten die Almbauern zu sich nahmen, und die werden bekanntlich uralt – wenn sie überhaupt sterben. Das Original-Bircher-Müsli bestand aus 1 Esslöffel Haferflocken, 3 Esslöffel Wasser, 1-2 geraspelten Äpfeln, dem Saft einer halben Zitrone, 1 Esslöffel gezuckerter Kondensmilch und 1 Esslöffel geriebener Nüsse. Huuuuuh! Das ist was für Puristen, und mit dem Müsli-Riegel und dem süßen, fetten Schoko-Müsli vom Schweizerkonzern Nestlé und all den anderen hat es, ganz recht, überhaupt gar nichts mehr zu tun. So ist sie, unsere Marktwirtschaft: frisst alles, alles auf.

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