Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Nun ist Ostern, die Bundesliga spielt, und T., der Freund, sagt: Seltsam eigentlich, dass Schiedsrichter heute gar nicht mehr als „Eierköpfe“ beschimpft werden. „Schiedsrichter, Eierkopf!“, das war eine schöne alte Beschimpfung, aber man hört sie nicht mehr. Überhaupt scheint das Ei sprachlich auf dem Rückzug zu sein, es verschwindet, von vielen unbemerkt, aus unserer täglichen Rede – wie kommt das? Wer ruft noch: „Ach, du dickes Ei!“? Wer singt noch: „Eia, popeia, was raschelt im Stroh?“ Wer sagt noch, wenn Peter Ustinov oder ein anderer gestorben ist, ein zärtlichüberrascht-ungläubiges „Ei, der Ustinov …!“ Ist es denn wahr, dass das Ei auch sprachlich jenen Weg geht, den so viele andere, früher gern genutzte Wörter schon gingen?

Das „Potz“ aus „Potztausend!“ zum Beispiel, das früher an jeder Ecke und in jeder beliebigen Kombination grüßte, Potz Sapperment!, Potz Rinderzahn und Ochsenhorn! – oder, wie der dicke Vetter in Hoffmannsthals „Jedermann“ ruft: „Potz Maus, mein Vetter Jedermann / Wie grüßt Ihr uns, was ficht Euch an?“ Selbst das liebliche „Verflixt!“, das man früher an jeder Ecke hörte, muss Tag für Tag vulgäreren Flüchen weichen. Mag sein, dass das Schwinden des Sprach-Eis mit dem jedes Jahr weiter zurückgehenden Eierverzehr in Deutschland zusammenhängt, der uns stets um diese Zeit mit leise vorwurfsvollem Unterton von den Geflügelzüchtern statistisch nachgewiesen wird. Das Ei ist im täglichen Leben nicht mehr präsent wie einst, also auch nicht in der Sprache.

Noch in Erich Frieds Übersetzung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ singt der Chor: „Nachtigall, mit Melodei / Sing mit uns ein Eipopei, / Eia, eia, ei popei; eia, eia, ei popei. / Halt von Fluch / Und Zauberspruch / Unsre liebe Fraue frei. / Nun gut Nacht mit Eipopei.“ Und man kann weder Schiller noch Lessing noch Goethe lesen, ohne immer wieder auf Beteuerungen, Verwünschungen, Ausrufe, Befehle, Verwunderungen zu stoßen, die mit Ei beginnen: Ei, lass er sich den Kopf mit warmen Tüchern reiben!; Ei wie geputzt! Das schöne junge Blut!; Ei Sie sind doch wohl nicht gar der alte Anselmo selber? Und so weiter, und so weiter … „Ei der Daus!“, möchte man rufen, wäre es nicht aus der Mode und wüsste man, was ein „Daus“ ist! Ein Daus, herrje? Das ist, aus dem Niederdeutschen (duus) stammend, eigentlich ein vortrefflicher, fähiger Mensch. Noch in Gustav Freytags „Soll und Haben“ heißt es an einer Stelle: „So schlage ich vor, dass wir die Stuben selbst malen, ich bin ein Daus im Marmorieren.“ Aber als Ausruf meint „der Daus!“ eigentlich nie was Gutes, eher etwas wie Satan oder Henker, im Englischen heißt „deuce“ ja auch „Teufel“. Seltsame Veränderung – wie kommt das bloß? Ach, weiß der Geier!

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