Politik : Und was mache ich jetzt?

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Von Axel Hacke

Sepp Blatter ist Präsident des Weltfußballverbandes (oder Fußballweltverbandes?) Fifa, das hatte man ganz vergessen, aber nun fällt es einem wieder ein, denn Sepp Blatter hat gesagt: Jedes Spiel sollte einen Gewinner haben. Wir sollten nicht mit einem Unentschieden nach Hause gehen. Wenn Sie Karten oder Boccia spielen oder Familienspiele machen – es gibt immer einen Gewinner oder Verlierer. Sepp Blatter will das Unentschieden abschaffen. Aber es wird ihm nicht gelingen. So vieles wollte man am Fußball abschaffen, und so vieles ist geblieben, wie es war. Es gab Zeiten, da wollte man den Einwurf durch einen Einschuss ersetzen. Es gab andere Zeiten, da wollte Franz Beckenbauer die Zahl der Spieler auf zehn pro Mannschaft reduzieren, damit wieder mehr Platz sei auf dem Feld, das eng geworden sei durch das unentwegte Gerenne der modernen Fußballer. Es gab auch Zeiten, da wollte Blatters Vorgänger Havelange die Halbzeiten durch Viertel ersetzen, damit mehr Platz sei für Werbung.

Die Halbzeiten sind geblieben, der Einwurf ebenfalls, und es sind immer noch zweimal elf Mann auf dem Platz. Das Unentschieden wird bestehen, jedenfalls dort, wo es hingehört: in der Bundesliga, der Premier League, der Primera Division. Fast überall sonst hat man es wegreformiert, im Pokal sowieso, auch bei den internationalen Meisterschaften. Es gibt Verlängerungen und Elfmeterschießen. Früher war das anders, 1922 zum Beispiel gab es keinen deutschen Meister, weil es zwischen dem 1.FC Nürnberg und dem Hamburger SV in Berlin nach zwei Stunden und 45 Minuten immer noch 2:2 stand, aber die Dunkelheit hereinbrach und das Spiel abgebrochen werden musste. Der Kick wurde in Leipzig wiederholt, aber beim Stand von 1:1 vor der zweiten Verlängerung auch beendet – nach Verweisen und Verletzungen standen nur noch sieben Nürnberger auf dem Platz (Ersatzspieler gab es anscheinend nicht), und das war regelwidrig. Der Fußballverband erklärte den HSV zum Meister, aber der verzichtete, das muss man sich vorstellen, die Hamburger waren zu stolz, auf diese Weise Meister zu werden.

Fußball ist etwas für Konservative: Es gibt Dinge, die müssen bleiben, wie sie sind. An großen Siegen kann man sich nur erfreuen, tiefe Niederlagen nur erleiden, wenn dazwischen das Leben manchmal grau ist und richtungslos und unentschieden. Spielten nicht vor einer Woche Bochum und Bremen 0:0? Ja. Und war das nicht ein tolles Spiel? Ja. So geht es also auch. Man muss nicht alles entscheiden. Die Dinge müssen nicht immer klar sein. Manchmal sind zwei gleich gut. So ist der Fußball. So ist das Leben. Und wenn Herr Blatter das nicht mag: Es gibt sicher auch einen Weltverband für Skat oder Boccia oder Familienspiele, wo man einen wie ihn gut brauchen kann.

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