Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Das Leben ist ein immerwährendes Auftauchen und Verschwinden, daran sind wir gewöhnt. Eine Europameisterschaft kündigt sich an, dann ist sie plötzlich da, ein paar Wochen lang. Man schaut die Europameisterschaft an, dann ist sie wieder weg. Man kauft sich ein neues Hemd, trägt das Hemd, wäscht und bügelt es, aber eines Tages ist das Hemd nicht mehr da, und man weiß nicht: Hat man es im Hotel vergessen? Hat die BermudaHose es während des Waschvorgangs gefressen? Man lernt einen Menschen kennen, verbringt Zeit mit ihm, dann meldet er sich nicht mehr, man selbst ruft auch nicht an, es hat schon interessantere Menschen gegeben, findet man – und dann ist der Mensch weg, man weiß gar nicht mehr: Wo lebt er? Lebt er überhaupt?

So geht das Tag für Tag. Aber dass im Staate Missouri nun ein ganzer See verschwunden ist, wundert einen doch. Alles soll schnell gegangen sein, fast über Nacht war er weg, der See, Lake Chesterfield hatte er geheißen. Man hatte ihn vor längerer Zeit künstlich angelegt, Leute hatten sich Häuser mit Seeblick gekauft – nun blicken sie auf Schlamm und tote Fische. Irgendwie sei durch heftige Regenfälle eine Sinkgrube entstanden, wird gemeldet, durch die habe sich der See davon gemacht. Das ist seltsam. Man hat gehört, dass Dörfer in Stau-Seen abtauchen, aber dass nun die Seen selbst… Es beginnt ja der Sommer, man ginge gerne baden irgendwo – aber was geschieht mit einem Schwimmer, der sich just in dem Moment im See befindet, während der See beschließt zu geh’n? Wo findet man sich dann wieder?

Das Dumme ist ja, dass immer nur Dinge verschwinden, die man gern hat oder die man braucht. Schlüssel. Telefonzellen. Briefkästen. Manche Tierarten. Jedenfalls fällt es einem in diesen Fällen auf, anderes ist sicher auch einfach weg, aber man merkt es nicht, nicht jeder jedenfalls, Massenvernichtungswaffen zum Beispiel. So einen See hat jeder gern. In letzter Zeit hat man gehört, das Öl werde verschwinden, hey, das ist interessant: Die Dinge, die verschwinden, werden immer größer, was? Die SPD war einmal eine Riesenpartei – nun ist sie beinahe weg. So wie die Leute am Lake Chesterfield gewohnt waren, morgens aus dem Fenster auf den See zu blicken, schauten wir seit Jahrzehnten in der Zeitung auf die SPD. Was wird dort sein, wenn es so weitergeht mit ihr? Was passiert mit den Leuten, die zufällig in der SPD sind, während die Partei im Erdreich versickert? Und wenn ein See, das Öl, die SPD einfach so in hohem Tempo verschwinden können – was ist noch sicher? Werden sich die Alpen wieder zusammenfalten? Wird der Himmel einstürzen? Wird der Asphalt uns schmatzend verschlucken, während wir auf ihm gehen?

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