Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Nirgendwo ist ein seltsames Wort, Nirgendwo ist ein seltsamer Ort.

Wo mag Nirgendwo sein? Irgendwo? Und wer mag dort leben? Nirgendwer? Was mag es da geben? Nirgendwas? Wie mag es sein? Nirgendwie? Fest steht, wie man nach Nirgendwo kommt: mit dem Zug. Das erfuhren wir vor Jahren von Christian Anders, der sang: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, mit mir allein als Passagier.“ Traurige Reise. Wie kommt dieser Herr in den Zug, so einsam? Dem Text entnahm man, dass er eine Frau namens Maria betrogen hatte und dies tief bereute („Ich hab’ Dich lieb, bitte glaube mir …/ Das ist vorbei, ich schwöre es Dir“), dass aber Maria ihn von dannen geschickt hatte, nicht ohne zu weinen („Eine Träne hab’ ich gesehen,/ Will sie mir sagen: komm’ doch zurück?“). Aber doch: weggeschickt. Und nun sitzt er, in einem funkelnagelneuen Zug: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,/ den es noch gestern gar nicht gab.“ Und jammert. Und singt.

Das Seltsame ist, dass Christian Anders immer noch unter uns ist. Er lebt, singt, meditiert und schreibt, sogar an den Kanzler, dem er brieflich die Einführung eines neuen Währungssystems vorgeschlagen hat, interessanterweise heißt es abgekürzt Z.U.G., Zinsfreies Umlaufgesichertes Geld. Hat Maria ihn doch …? Gibt es auch Züge aus Nirgendwo? Oder Z.Ü.G.E.? Oder Flüge? Ich komme darauf zu sprechen, weil Naomi Campbell dem „Guardian“ erzählt hat, wie wohl sie sich in Flugzeugen fühle: „Im Flugzeug ist man irgendwo und gleichzeitig nirgendwo. Das ist sehr beruhigend. Niemand kann sich dazu gesellen und man kann in Ruhe lesen.“ Über diesen Satz könnte man stundenlang nachdenken. Die Gleichzeitigkeit von Irgend- und Nirgendwo. Das sehr Beruhigende daran.

Und dass da plötzlich einer neben einem stehen könnte. Man fragt: „Wer bist du?“ Er sagt: „Niemand.“ Was denkst du? „Nichts.“ Gerade jetzt zur Reisezeit fragen sich viele: Warum erlebe ich das nie? Was muss ich tun, um in diesen Zustand zu geraten? Drogen nehmen? Schlager hören? Maria betrügen? Längeren Umgang mit Flavio Briatore pflegen? Oder ist es das Leben des Jet-Sets, das dem Nirgendwo entgegenstrebt, dieses Heutehiermorgenda, dieses unaufhörlich-engelhafte Herumgefliege. Irgendwo (oder nirgendwo?) las ich, viele Manager wüssten oft morgens nicht, in welcher Stadt sie seien, nicht mal der Erdteil sei ihnen gleich erinnerlich. Vielleicht sind sie dem Nirgendwo nah? Im „Jugendreport Natur“ der Uni Marburg heißt es, mehr als 50 Prozent der Jugendlichen könnten sich nicht an ein Naturerlebnis erinnern. Und jeder Neunte von ihnen glaube, alle Enten seien gelb. So ist das, wenn man nur im Virtuellen lebt. Sieht aus, als sei der Zug nach Nirgendwo längst abgefahren. Und wir säßen alle drin.

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