Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Über die Frage, wann Schriftsteller eigentlich aufstehen, weiß man wenig. Fontanes Tagebücher beginnen Tag für Tag mit dem Wort „Gearbeitet“, nichts übers Vorhergehende. Bei Kafka: nichts. Bei Frisch: auch nix. Nur Thomas Mann, natürlich, notierte Morgen für Morgen: „Gegen 8 Uhr auf. Heiterer Himmel.“ Oder „8 Uhr auf. Nebel.“ Oder, am 3. April 1950: „Stand versehentlich um 7 statt um 8 auf. Unbehaglich.“

Dabei interessiert die Antwort den Bürger brennend. Denn der Nichtschriftsteller phantasiert sich den Schriftsteller gern als Bohemien und ist überrascht (und enttäuscht) zu erfahren, dass Künstler Kinder haben, die sie wecken, oder einen Wecker, der . . . Egal. Worum es geht: dass die „Süddeutsche Zeitung“ seit Wochen Tag für Tag einen Autor fragt, wann er eigentlich aufstehe. Und was die Leute antworten!

Kaum einer, von Yann Martel und Henning Mankell abgesehen, gibt eine schlanke Antwort, teilt eine Uhrzeit mit oder so. Nein, man liest, dass Aris Fioretos sich auf Zehenspitzen aus dem Bett stiehlt „wie ein Dieb in der Nacht“, um sich dann, zwei orangefarbene Stöpsel in den Ohren, anzuschicken, „aus den Träumen Worte zu machen“. Man liest, dass Katja Lange-Müller aus einem Teller, der auf ungeöffneten Briefen steht, Linsensuppe frühstückt – unglaublich, aber anscheinend wahr. Man liest, dass Durs Grünbein gar nicht aufsteht, denn wer aufstehe, sei verloren, man habe ihn ungefragt geboren, „und niemand fragt mich, ob ich sterben will. So leb ich hin, und bald ist es vollbracht.“ Da bleiben einem gleich ganz früh die Linsensuppe im Hals und die Stöpsel in den Ohren stecken, so traurig ist das.

Mein Nummer-eins-Hit unter den Antworten: Walter Kempowski. Der steht zweimal auf, zuerst um sechs, duscht und rasiert sich, guckt aus dem Fenster, schläft wieder. „Dann wird gelesen, und um neun erquickt an den Frühstückstisch geschritten. Hier kommt es zum Tagesgespräch mit meiner Frau, und dazu werden Marmeladenbrote gegessen.“ Alles Passiv, aber besonders schön ist dieses „Tagesgespräch“, das so einmaligen, ritualisierten Charakter hat. Was die Marmeladenbrote angeht: Da ruft der Leser von „Uns geht’s ja noch gold“ mit Mutter K. ein herzliches: „Mahlpolzeipott! Fiss biste patzt!“

Auf Platz zwei liegt Michael Lentz mit dem Rat: „Bei Unschlüssigkeit, ob der zum Aufstehen angemessene Körperzustand erreicht ist, in einem unter dem Bett liegenden Buch lesen.“ Ja nun, aber wie? Hat der Mann ein Glasbett? Liegt er lesend unter seiner Lagerstatt? Falls jemand übrigens unschlüssig ist, was er lesen sollte . . . Warum nicht mal wieder Max Frisch und seine Tagebücher, darin die Frage: „Wieso haben die Intellektuellen, wenn sie scharenweise vorkommen, unweigerlich etwas Komisches?“

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