Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Früher, als es das Fernsehen nicht gab, erfuhr man gar nicht, was der Olympiasportler dachte und fühlte während des Wettkampfes und danach. Man konnte sich das vorstellen, aber man wusste es nicht, und so blieb der Athlet eine Fantasiefigur, teilweise. Das ist aber vorbei, weil es das Fernsehen eben gibt, und weil seine Reporter in Athen die Schwimmer und die Leicht und Schwerathleten aller Art nach dem Wettkampf in nie da gewesener Plötzlichkeit vor die Kameras zerren. Da stehen die Enttäuschten (und die Triumphierenden auch), triefend von Wasser und Schweiß, nach Luft ringend, halb nackt oft genug. Und man denkt: Muss das sein? Ist das nicht entsetzlich peinlich, unangenehm, indiskret? Dieses Herzitieren und Verhören, dieses Gefrage und dieses Geantworte von Gefühl und Erwartung und Druck, ja, die Schwimmerinnen redeten immer von Druck, sogar um die Augen hatten sie Druckstellen, obwohl die anscheinend von den Schwimmbrillen… Aber wer weiß das? Ach, bitte.

Manchmal stellt man sich vor, jeder von uns müsste sich immer gleich nach der Arbeit vor einer Kamera verantworten. Kaum dass der Wurstbrater seine Bratwurst auf einen Teller gelegt hätte, stünde einer vom Fernsehen vor ihm und fragte: „Wie fühlen Sie sich?“ Und des Wurstbraters Antwort wäre: „Ja, pffft, also, na gut, hahum, hi-prrrrt, ich... irgendwie, ha-schwitz, kann ich das nicht ranlassen an mich, ich habe bei der dritten Wurst heute, hahum-hahum, also da habe ich gemerkt, dass ich heute nicht dieses Wurstgefühl… Ich habe also auf dieses Wurstgefühl gewartet – und es kam nicht. Ist nie gekommen heute.“

So klänge das, was? Oder der Briefträger. Gerade hat er seine Tasche geleert, kommt ein Fernseh-Waldi und fragt: „Herr Briefträger! Enttäuscht?“ Der Briefträger sagt: „Kaum war ich aus der Poststelle draußen heute früh, hatte ich ein schweres Bein und das andere war auch nicht leicht. Schon beim Sortieren konnte ich nicht umsetzen, was ich normalerweise immer bringe und…“ Oder der Hochofenarbeiter steht da im verschwitzten Hochofenarbeiterhemd und sagt: „Schon im Bus heute habe ich nur gedacht: ,Am liebsten würde ich gleich wieder heimfahren, ich war so verkrampft, schon beim Frühstück war es ein Gewürge…’“

Wir alle leisten ja Außerordentliches, aber niemand fragt uns, schon gar nicht gleich nach der Arbeit. Wir wollen das auch nicht. Wir können das nicht. Wir wüssten nicht, was wir sagen sollten. Keiner weiß in Wahrheit, was er sagen soll, und keiner will das wissen – und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich bin froh, dass die Scheiße hier vorbei ist, ich bekam die Wörter heute einfach nicht zu fassen, schon als ich reinsprang in die Wörter, habe ich es gemerkt. Ich schreibe normalerweise im Training besser, bitte, huuuu, Entschuldigung – Mama?

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