Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Manchmal wünschen sich Menschen, dies und jenes nie getan zu haben. Ein Mann, von seiner Frau kritisiert, sitzt in der Küche, betrachtet mit leeren Augen eine Bierflasche und murmelt: „Ach, hätte ich nie geheiratet. Ach, wäre ich homosexuell.“ Ein anderer Mann, der abends zuvor viele Bierflaschen nicht nur angeschaut, sondern ausgetrunken hat, betrachtet mit leeren Augen im Spiegel den schmerzenden Schädel und krächzt: „Ach, hätte ich nie getrunken. Ach, wäre ich Abstinenzler.“ Ein dritter Mann, der im Fernsehen einige ihr Schicksal beklagende ExBürger der DDR gesehen hat, betrachtet seine Tapete und schreit: „Ach, stünde die Mauer noch, die Mauer, die Mauer!“

Nun der vierte Mann. Nennen wir ihn Schmidt, Helmut Schmidt. Der hat ein Buch geschrieben. Nun beantwortet er Fragen des „Hamburger Abendblattes“ und sagt, dass multikulturelle Gesellschaften nur funktionieren könnten, „wo es einen starken Obrigkeitsstaat gibt“. Den haben wir nun mal nicht. Deshalb sagt Schmidt: „Insofern war es ein Fehler, dass wir zu Beginn der sechziger Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land holten.“

Ach was? Aber sagen Sie, Herr Schmidt, wer hätte dann die Autos gebaut, mit deren Export wir das schöne Leben finanzierten, an das wir uns heute gerne erinnern? Wer hätte geholfen, all die Firmen groß zu machen, von denen wir jahrzehntelang lebten? Und wer hätte die Mülltonnen geleert, in denen die Reste unserer üppigen Mahlzeiten verschimmelten? Wir selbst? Menschen aus nicht so fremden Kulturen? Oder hätten wir lieber auf all das verzichtet, wären unter uns geblieben und hätten uns beschieden?

Das ist das eine. Das andere: Wäre es nicht inmitten dieser ganz hysterischen Debatte um alle möglichen Multi-, Leit- und Parallelkulturen sinnvoll, den Nachkommen derer, die uns mal genehm und bequem waren und die hier in jenen Jahren eben nicht bloß Sozialhilfe verzehrten – wäre es nicht sinnvoll, diesen Leuten was anderes entgegenzurufen als: „Es ist ein Fehler, dass ihr hier seid!“ Zumal es auch kein Fehler war.

Der Fehler war nämlich, dass man glaubte, sich mit diesen Menschen nicht weiter beschäftigen zu müssen. Dass man sich stattdessen in Idyllen und Fantasien flüchtete, die nur die Verbrämung einer Gleichgültigkeit waren (die man lieber Toleranz nannte). Dass man froh war, wenn die Leute in Ghettos lebten und man von ihnen wenig hörte. Wenn man ihnen keine Fragen stellen und ihnen gegenüber keine Position beziehen musste. Und nun, da die Wirtschaft nicht mehr läuft und der Islam sich in aller Welt radikalisiert – nun muss man sich plötzlich mit Problemen beschäftigen, die man auch selbst zu verantworten hat. Was macht man da? Sagen wir erst, was man in solchen Lebenslagen nicht macht. Man ruft nicht: Ach, hätte ich doch nie…!

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