Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Klar, der Sinn von Skandalen liegt in ihrer reinigenden Kraft, sie bringen das Böse ans Licht, und dort wird es zerstört. Aber wichtiger ist, dass Skandale Gesprächsstoff liefern. Wenn alles nur normal laufen würde, säßen wir morgens beim Frühstück, mittags in der Kantine und abends unter Freunden stumm herum, ab und zu würde einer was vom Wetter murmeln, aber gleich wieder zusammensacken und blöde auf den Tisch starren. Wir müssen was zu reden haben, sonst vereinsamen wir, die Gesellschaft zerfällt, der Staat ist bedroht. Freundlicherweise stellen sich Tag für Tag genug Damen und Herren mit ihren Machenschaften zur Verfügung, ihnen an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

Wobei man beim Skandal zwischen Haupt und Nebenstoff unterscheiden muss. Hauptstoff ist der eigentliche Skandalvorgang, Geldgier von Politikern oder Bestechlichkeit von Schiedsrichtern. Der Nebenstoff: das hübsche Randwissen, das der Zeitungsleser in diesen Zusammenhängen erwirbt.

Zum Beispiel bildet der „Stern“ zu einem Bericht über den Visa-Skandal im Auswärtigen Amt den Minister Fischer im Büro ab, und man sieht, dass der Büroboden aus Terrakotta-Fliesen besteht, wie andere Leute sie im Ferienhaus verlegen. Nicht wichtig, aber interessant. Oder dass die Herren Arentz und Meyer vom RWE-Konzern nicht bloß Geld, sondern auch „Stromdeputate“ bekamen, Arentz 7500 Kilowattstunden pro Jahr, bitte, das reicht für zehn Minuten Schwatzen über die Frage, wie weit man mit 7500 Kilowattstunden kommt. Ob man damit nur das Heim ausleuchten oder noch Bier im Abgeordnetenbüro kühlen kann.

Den Berichten über die Verstrickungen des jungen Hoyzer war zu entnehmen, dass ein Bundesliga-Schiedsrichter pro Partie 3068 Euro erhält. Ganze Menge, was? Ehrlich gesagt, dachten die meisten von uns, da sei mehr als eine warme Mahlzeit nicht drin. Nicht dass man es den Leuten nicht gönnt, aber… Es war einfach neu, und ohne Hoyzer wüssten wir’s nicht. Ein Linienrichter bekommt übrigens die Hälfte.

Viele von uns, die über Sportwetten bisher wenig wussten, hatten auch keine Ahnung, dass man von China aus auf Spiele unserer zweiten Liga setzen kann. Da sitzen Leute in Peking mit der chinesischen Ausgabe des „Kicker“ und zerbrechen sich den Kopf über Spiele in Aue, man glaubt es nicht! Falls sich jemand für die zweite chinesische Liga und ihre Möglichkeiten interessiert: Da konnte man vor zwei Jahren bei Herrn Gong Jianping für umgerechnet 1856 Euro ein Ergebnis kaufen, denn Gong war Zweitliga-Schiedsrichter und brauchte Geld. So stand es in der „Welt“. Gong sitzt jetzt aber im Gefängnis. Welche chinesischen Schiedsrichter aktuell bestechlich sind – keine Ahnung. Aber der Wettskandal geht weiter, vielleicht wird man dies und jenes erfahren.

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