Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Poldi, Schweini, Klinsi, Olli, Basti – was für eine niedliche Fußballmannschaft wir jetzt haben, was? (Die Wahrheit: Sie heißen so, weil „Bild“ diese großen Buchstaben hat und keinen Namen länger als „Bohlen“ in eine Überschrift bekommt. Podolski, Schweinsteiger, Klinsmann – das ist bei denen eine ganze Artikellänge.) Jetzt haben sie gegen Nordir und Russland gespielt, nächste Woche kommt der Confederations Cup, dazwischen haben die Männer drei Tage Pause. Was macht Klinsmann? Er fliegt nach Amerika zu Frau und Kindern. Was sagt „Bild“ dazu? Es fragt: „Warum fliegt Klinsi ausgerechnet jetzt nach Amerika?“

Die Antwort: weil es richtig ist. Man kann jetzt nicht genug Distanz zu diesem Land suchen. Man muss es von außen sehen. Hätte Rudi Völler die Nationalelf wenigstens von Rom aus trainiert, wäre die letzte Europameisterschaft anders ausgegangen. Obwohl: Wichtig ist die Zeitverschiebung. Man muss irgendwo sein, wo man arbeiten kann, während die deutschen Journalisten schlafen, und wo man schläft, wenn die deutsche Presse wach ist. Wo es kein deutsches Fernsehen gibt. Sonst wird man wahnsinnig. Oder unglaublich traurig. Oder beides.

Der beste Beweis ist der Zustand unseres Bundeskanzlers. Dieser Mann musste sieben Jahre lang ein Land regieren, in dem täglich einer, der seine Schuhsohlen mit Zahlen beklebt, ein weggelaufener Finanzminister und Andrea Nahles seine Politik kommentieren. Das ist unzumutbar. Das kann normalerweise niemand aushalten. Man bekommt den Föhn, das ist doch klar. In ähnlichem Zustand befand sich noch jeder Bundestrainer, der Tag für Tag gelesen hat, wie Paul Breitner, Uwe Seeler, Max Merkel, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus ihn finden. Man fängt irgendwann an, mit seinem Trainingsanzug zu sprechen, sich nachts in den „Kicker“ zu wickeln oder Paolo Coelho zu lesen.

Stellen wir uns mal vor, der Kanzler würde in Kalifornien leben. Einmal pro Woche zu einer Kabinettssitzung einfliegen. Seine Gegner auf DVD im Flieger studieren. Morgens um halb sechs die Emails aus Deutschland beantworten, dann die Kinder zur Schule bringen, dann mit Steinmeier zu Starbuck’s. Bisschen surfen. „Christiansen“ für ein dänisches Bier halten. Michael Müller nicht kennen. Und wenn er zwischendurch eine Woche hier ist und seinen kalifornischen Motivationstrainer mit uns arbeiten lässt: super drauf sein.

Es wäre großartig. Wir würden spielen wie Poldi und Schweini, unbekümmert, befreit. Was unserem Führungspersonal fehlt, ist nämlich Distanz zu uns. In Berlin kann man nicht mehr leben als Politiker. Man sieht doch, was hier los ist. Lauter Irre. Am besten, wir hauen alle ab. 82 Millionen. Kalifornien ist groß. Wir brauchen Abstand. Die WM-Spiele nächstes Jahr lassen wir uns auf Kassette schicken. Gibt eh keine Karten.

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