Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Der „Spiegel“ hat Wolfgang Bernhard, den neuen „Markenchef“ bei Volkswagen, gefragt, ob er bei Problemlösungen eigentlich „oben“ ansetze. (B. hatte nämlich am ersten Arbeitstag den Chef der MotorenEntwicklung gefeuert). Bernhard antwortete: „Treppen kehrt man grundsätzlich von oben. Oder haben Sie mal versucht, eine Treppe von unten zu kehren?“ N-n-n-nein, stotterte man noch vor sich hin, da las man schon in „Bild“ einen Kommentar von Hans-Olaf Henkel unter der Überschrift: „Treppen kehrt man von oben.“ Ist ja gut, ist ja gut – was haben sie bloß plötzlich alle mit dem Treppenputzen?

Man stelle sich vor, Herakles hätte vor der Ausmistung des Augiasstalles (eine Aufgabe, die der bei VW nicht unverwandt scheint) erst mal dem Stallchef gekündigt und eine neue Putzstrategie bekannt gegeben, um dann zu verkünden, Ställe putze man grundsätzlich von innen. Nichts da, er leitete zwei Flüsse in den Stall – und weg war der Mist. So geht das heute nicht mehr. Man muss alles dem Volk verständlich machen. Das Volk sind wir. Wir Treppenputzer. Obwohl: Wird nicht auf den meisten Treppen polnisch gesprochen? Oder russisch? Das ist es eben: Wir alle dachten beim Anblick einer Treppe schon lange nicht mehr an deren Reinigung. Wir dachten an die Mühen des Treppensteigens. Und an den Lift, der uns viel geschwinder nach oben bringen würde. Wir verfluchten die Treppe und die mit ihr verbundenen Anstrengungen, wir mieden sie, wir gingen zum Fahrstuhl, ja, wir jammerten sogar über zu langsame Fahrstühle. In vielen modernen Häusern gibt es Treppen nur noch für den Notfall, irgendwo verborgen, ein grünes Schild weist den Weg, und wenn man schon eine Treppe nimmt, dann die Rolltreppe, die sich übrigens automatisch selbst reinigt. Uns ist ja schon die Ebene zu mühsam. Und bei „Treppe“ dachten wir bloß noch an Freud, und Freud dachte bei „Treppe“ an „Sex“, sie war für ihn ein Symbol des Geschlechtsaktes, man erklomm in rhythmischen Absätzen und bei zunehmender Atemnot einen Höhepunkt und konnte dann „in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein“. So waren wir.

Was uns Bernhard und Henkel also in Wahrheit sagen wollen, ja, was diese ganze plötzliche Karriere der Treppe als Metapher überhaupt bedeutet, das ist: Wir Deutschen müssen uns wieder an Treppen gewöhnen. Vielleicht sogar an Hintertreppen. Wir müssen bei „Treppe“ wieder an „Treppe“ denken, an „Schmutz“ und „Arbeit“, und wir müssen wissen, dass bei der Treppenreinigung der Dreck immer unten landet, und dass man deshalb unten nie sein sollte, wenn man auf sich hält. Darum geht es.

Nächste Woche bespreche ich hier das neue Buch von Hans-Olaf Henkel. Es heißt „Die Besenwagen-Gesellschaft“. Es geht dort darum, dass es nicht gut ist, wenn Leute, die bei einer Radtour nicht mehr mithalten können, im Auto weiter fahren dürfen.

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