Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Kreuzworträtselfragen: Wie hieß der Sitz der irischen Großkönige in vorchristlicher Zeit? Wie nennt man in Österreich den Verkaufstisch in Apotheken? Wie heißt einer der beiden Quellflüsse der Drina? Ja, und bitte, nennen Sie den Namen von Scarletts Baumwollplantage in „Vom Winde verweht“? Die Lösung ist immer: Tara. Tara ist aber auch die Differenz zwischen „Brutto“ und „Netto“. Das Gewicht der Verpackung. Brutto minus Netto gleich Tara. So, das hätten wir.

Brutto ist übrigens italienisch, es heißt „roh“ oder „hässlich“. Netto ist auch italienisch, es bedeutet „rein“. Man muss aus gegebenem Anlass darauf zu sprechen kommen, denn Angela Merkel hat die Begriffe immer wieder verwechselt, in der ARD zum Beispiel oder der „Bunten“. Sie hat gesagt, dass „die BruttoLöhne um ein Prozent sinken, wenn wir die Lohnzusatzkosten senken“. Richtig ist aber, dass, wenn man die Lohnzusatzkosten senkt, die Netto-Löhne steigen.

Nun ist es nicht etwa so gewesen, dass die Leser der „Bunten“ oder das Fernsehpublikum angesichts von Merkels Lapsus vor Lachen zusammengebrochen wären. Oder gedacht hätten: Was ist das für eine komische Frau?! Will, dass wir sie wählen, wenn sie unsere Brutto-Löhne senkt! Nein, die Leute haben’s kaum gemerkt, nur aufmerksame Journalisten registrierten den Fehler (allerdings nicht die Interviewer von ARD und „Bunte“).

Als aber über die Sache geschrieben worden war: ganz große Brutto-Aufregung! Hatte nicht Scharping wegen eines ähnlichen Fehlers den Wahlkampf 1994 verloren? Man mag so etwas nicht in Besserwisserland. Es kommt dann wie früher auf dem Schulhof die Stunde der kleinen dicken Streber, die Klaus Uwe heißen oder Reinhard. Die rufen: „Angela kennt netto nicht! Angela hat Angst vor Gerd, Angela hat A-hangst.“ (Übrigens hat Klaus Uwe Benneter Aufkleber zu verantworten, auf denen es heißt, ein Produkt werde durch eine Mehrwertsteuer-Erhöhung von 16 auf 18 Prozent um zwei Prozent teurer. Stimmt aber nicht, hat die Redaktion von „Spiegel online“ richtig bemerkt, es sind bloß 1,7 Prozent. Aber Benneter will auch nicht Bundeskanzler werden, er ist SPD-Generalsekretär, da muss man nicht so gut rechnen können, große Klappe ist wichtig.)

Ach, man hat den Wahlkampf jetzt schon satt, brutto wie netto – es ist einfach zu blöd manchmal. Und das Einzige, was erst mal gesunken ist, sind weder Brutto- noch Netto-Löhne, sondern die Prozentanteile von CDU/CSU und FDP. Das hat aber auch mit dem Erfolg der Linkspartei zu tun, übrigens einer der doch eher seltenen Fälle, bei denen die Tara größer ist als das Nettogewicht. Mit einer Verpackung aus Lafontaine und Gysi kommen die alten Kader auf zwölf Prozent, sonst würden sie mit der Fünf-Prozent-Hürde kämpfen. Was ist die Aufgabe des Wählers? „Fare la tara“, wie der Italiener sagt, „das Unwahre abziehen“.

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