Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Anders als der Mensch wird die Socke paarweise geboren, und eigentlich kann sie auch nur paarweise leben. Allein wird ihr Leben sinnlos, der Mensch besteht in der Regel darauf, zwei Socken zu tragen, zwei gleiche Socken, und wenn also einer Socke ihr Partner abhanden gekommen ist, vegetiert sie oft bis zum unabsehbaren Ende in einer lichtlosen Schublade, allenfalls in Begleitung von ebenfalls partnerlosen und schwermütigen Gesellen.

Wir reden nicht von „Einzelschicksalen“ (Udo Lattek), wir sprechen von einem Massenphänomen. Denn jeder moderne Mensch kennt das noch immer unverstandene und unverständliche, ja ganz und gar unerklärliche Phänomen des plötzlichen Sockentods in der Waschmaschine. Man steckt zwei Socken hinein, doch heraus kommt nur noch eine. Trostlos das Geschwätz der WaschmaschinenHersteller, die uns die Schuld daran geben, uns, die wir angeblich nicht genau genug nachsähen oder einzelne Socken im Schmutzwäschekorb vergäßen oder zu heiß gewaschene und darob geschrumpfte Exemplare nicht wiedererkennen könnten. In den Abfluss mit diesem Gerede!

Von technisch begabten Freunden hört man immer wieder, die Socken verschwänden durch ungenügende Abdichtungen zwischen Trommel und Maschinenraum, würden dann auf die Rückseite des Gerätes gespült und dort durch scharf gezackte Löcher wie in einer Kartoffelreibe zu Fusseln zerkleinert – ein Schicksal von kaum vorstellbarer Entsetzlichkeit. Anhänger von Verschwörungstheorien behaupten, die CIA beschaffe sich auf dem Weg über die Waschmaschinen der Welt einzelne Socken aller Menschen, um mit ihrer Hilfe ein weltweites Fußkataster anzulegen. Wieder andere Zeitgenossen können ausufernde Theorien vortragen, wonach durch sehr schnelles Maschinenschleudern und entsprechende Mikrogravitation quasi Löcher im Raum-Zeit-Gefüge entstehen, durch die Socken in andere Galaxien entschwinden.

Die Frage ist aber: warum immer nur Socken? Und immer nur einzelne? Und wieso verkauft man uns nicht längst zu jedem Paar ein Reservestück oder nicht überhaupt gleich Einzelsocken, die wir dann selbst zu Paaren sortieren könnten?

In Amerika sind sie weiter. Dort gibt es seit langem einen „Lost-Socks-Day“, an dem die Menschen Einzelsocken auf die Leine hängen, damit Nachbarn sich ihnen entsprechende Exemplare heraussuchen können. Und in der „New York Times“ las man jetzt vom Waschsalon „Laundrobot“, dessen Eigentümer Yuri Blanarovich die in seinem Geschäft aufgefundenen verwitweten Socken gerahmt und hinter Glas ausstellt, einsame, ihrem Zweck weit und für immer entrückte Fußbedeckungen, sinnlos geworden und gerade deswegen seltsam anrührend: ein ganz überraschendes Dokument der Rätselhaftigkeit unserer Existenz. Oder jedenfalls jener der Socken.

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