Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Die Globalisierung ist von den Vögeln erfunden worden, seit Jahrtausenden fliegen sie um die Welt. Der BraunachselGoldregenpfeifer eilt, wenn’s ihm in Alaska zu kalt wird, in 48 Stunden übers Meer nach Hawaii, der Zwergschnäpper verbringt den Winter traditionell in Indien, der Weißstorch aus dem Spreewald macht sich dieser Tage auf den Weg nach Afrika. Die Vögel sind frei, und so lange der Mensch das weltumspannende Wandern nicht für sich selbst entdeckt hatte, sah er ihnen voller Sehnsucht zu, die „fernhin nach des Südens Wärme“ zogen, wie Schillers Kraniche.

„Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, / Folg ich der Vögel wundervollen Flügen, / Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen / Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.“ Das schrieb Trakl, aber sein Gedicht heißt „Verfall“ und endet in der Betrachtung entlaubter Zweige und fröstelnd sich neigender Astern: in der Angst vor dem Winter. Heute bucht der Mensch, wenn es ihn vor Winterstürmen graust, ein paar Wochen Süden. Und der in Singapur gewirkte Pulli hat Flüge hinter sich, die jeden Rotrückenwürger vor Neid erblassen machen.

Und gerade jetzt wird aus der Bewunderung des Menschen für den Vogelzug etwas anderes: nackte Angst. Wir sehen die bekümmerten Augen sibirischer Geflügelzüchter, deren Tiere am Virus H5N1 zu Grunde gingen. Wir sehen ein vermummtes Tscheljabinsker Weiblein, in den Armen ein todgeweihtes Huhn – bald wird die Vogelgrippe ein Vogelgerippe aus ihm gemacht haben.

Der Zugvogel aber, dem einst der Poet seine schönsten Verse widmete, steht im Verdacht, das Virus aus den Weiten des Ostens zu uns zu tragen. Wildgänse rauschen durch die Nacht, landen inmitten unserer Freilandhühner und lassen verseuchte Exkremente zurück. Fort mit aller Dichtung, weg mit jeder Sehnsucht! Unsere Träume von jederzeit erreichbarer Sonne haben sich erfüllt. Aber wo sind wir gelandet? In einer Welt, in der man den Vogelzug lieber nicht hätte und in der es plötzlich gute Gründe zu geben scheint, Hühner doch in Käfige zu sperren?

Oder könnte es sein, dass bei allen Schwärmereien immer vergessen wurde, dass die große Freiheit des Zugvogels voll ebenso großer Gefahren ist? In diesem Jahr hatten wir in Deutschland viel weniger Störche als sonst – das liegt an jenen Gefahren. Zum Beispiel nennt man in Afrika den Storch „Vogel mit dem vielen Fleisch“ und isst ihn gern zu Abend. Und wer weiß, wie viele Vögel Jahr für Jahr bei Nebel und widrigem Wind ermattet ins Meer fallen?

Aber so ist das mit den Träumen: Hätten sie was mit der Wirklichkeit zu tun, wären sie keine Träume. „Zu reisen, ist der Vögel Winterschlaf“, dichtete Oskar Loerke und schrieb: „O daß wir alle Vogelseelen wären!“ Heute nennen Zeitungen die Zugvögel „Mutationsterrain“ für H5N1. Alle Vögel sind schon da? Hilfe!!!

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