Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Wie lange hat das gedauert, bis wir als kleine Menschen verstanden, dass man lächeln muss, wenn jemand die Linse eines Fotoapparates auf uns richtet. Vögelchen! Cheese! Jetzt lach doch mal! Einmal nur, für den lieben Onkel. Jaaaaa… Klick! So war das, aber oft war der Kampf von Vater, Mutter und Onkel Fotograf vergeblich, und so blicken heute Millionen Kindermienen aus Fotoalben verdüstert heraus, verschattete Grübelgesichter auf Eisbärfellen, Strichmünder über Nyltesthemden, gerunzelte Stirnen über forschenden Augen. Man weiß ja als Kind nicht, dass dies ein Augenblick fürs Leben ist. Man denkt: Was macht der da? Erschießt er mich? Ist dieser Mann der „Ernst des Lebens“, von dem Vater oft spricht?

Noch Jahre später kämpften wir im FotofixAutomaten um Haltung, wenn es blitzte. Blick leicht zur Seite, die Haare hinters Ohr und lächeln, es ging um Führerschein oder Reisepass, aber immer blitzte es, wenn wir gerade finster starrten, und lockerten wir die Züge, geschah – nichts. Es blitzte das nächste Mal erst, wenn man schon wieder die Was-ist-denn-mit-dem-Apparat-Miene auf hatte, ein Gesicht, das einen Jahrzehnte in der Brieftasche begleitete, erst nach dem sechsten Bier holte man es freiwillig hervor. „Das bist doch nicht etwa du, haha?“ Bin ich. War ich.

Irgendwann haben es doch die meisten gelernt. Die Spaßgesellschaft, das Foto-Handy, und sowieso hängen an jeder Straßenecke Kameras, aus denen heraus ein Polizist in irgendeiner Leitzentrale mit umwölkter Miene das Geschehen beobachtet. Da setzt man am besten sein unschuldigstes Dauerlächeln auf wie einen Hut, wenn man das Haus verlässt, sonst erregt man bloß Verdacht, wegen stieren Islamistenblicks. Die Republik ist, verglichen mit frühen Jahren, ein Land des Lächelns geworden, manche kriegen das Lächeln nicht mehr aus der Fresse, die müssen zum Fernsehen.

Nun aber werden neue Reisepässe eingeführt, und eine Sprecherin des Innenministeriums sagt: Schließen Sie den Mund, wenn Sie dafür fotografiert werden! Uns interessieren die korrekten Abstände zwischen Augenhöhlen, Wangenknochen und Seitenpartien des Mundes. „Ein breites Lächeln, so sympathisch es wirken mag, wird nicht akzeptiert.“

Denken Sie also an die große Koalition, wenn der Fotograf kommt, an die Klimakatastrophe oder an Frau Nahles! Ohne Bittermiene kommt man nicht mehr außer Landes, wer hätte das gedacht? Roberto Blanco zum Beispiel hat praktisch Ausreiseverbot, es gibt kein Foto von ihm ohne breites Lächeln, unmöglich, selbst Jürgen Klinsmann benötigt einen russischen Spezialtrainer, um sich das California-Lächeln fürs Foto abzugewöhnen. Ausweise-Lese-Automaten werden künftig unsere Grenzen bewachen, sie weisen jedes Lächeln ab, denn Lächeln ist nicht maschinenlesbar, wer weiß, wozu das gut ist...

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