Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Aus Biritiba Mirim in Brasilien kommt die Nachricht, der Bürgermeister des Städtchens, Herr Roberto Pereira da Silva, habe seinen Untertanen das Sterben verboten – aus einem einfachen Grund: Auf dem Friedhof ist kein Platz mehr, und ein neuer Friedhof wird dem Ort von den Behörden nicht genehmigt. Man weiß also nicht, wohin mit den Toten, und deshalb darf man in Biritiba Mirim nicht mehr zu Tode kommen. Es ist nicht erlaubt.

Blöde Idee!, denkt man als Erstes, jetzt wollen sie einem auch noch das Sterben verbieten, nichts darf man mehr, dieses Leben ist von Anfang bis Ende reguliert, und das Sterben war doch das Einzige, was wir noch hatten und was uns keiner nehmen konnte.

Andererseits: Im Grunde ist es richtig. Und politisch konsequent. Es gibt keinen Friedhof, also darf man nicht sterben. Übrigens gab es mal einen schönen italienischen Film, da war auf dem Friedhof nur noch ein einziger Platz frei; und ein Mann wollte, dass sein (noch lebender) Vater dort und nicht auf dem hässlichen neuen Friedhof begraben würde – weswegen er ununterbrochen allen anderen im Ort, die sich zu sterben anschickten, das Leben rettete – sehr schön, den Titel habe ich aber vergessen. Jedenfalls wird sich Pereira da Silva gedacht haben, dass es für seine Gemeinde auch ein schöner Standortvorteil wäre: Biritiba Mirim sehen und leben! Könnten wir die Sache nicht auch in Berlin einführen? Bestehende Friedhöfe als grüne Lungen behalten, aber keinen Platz für neue verschwenden?

Leider ist es wie oft in der Politik: Die Sache ist nicht zu Ende gedacht. Denn wenn niemand mehr stirbt, werden wir alle sehr alt. Das Rentenalter müsste auf 814 heraufgesetzt werden. Im ICE würde zwischen Göttingen und Kassel eines Tages nicht mehr die hübsche Brezelverkäuferin mitfahren, sondern der mobile Entkalkungstablettendienst. Am Kurfürstendamm würden sich Hörgeräteläden mit Krückenfachgeschäften abwechseln. Die Altersheime würden in den Himmel wachsen, die Überbevölkerung würde irgendwann unerträglich. Frank Schirrmacher müsste im Alter von 200 Jahren Band 16 seiner Methusalem-Reihe schreiben („Der Methusalem-Terror“), während Band eins gerade mit dem 256-jährigen Johannes Heesters in der Hauptrolle verfilmt würde.

Das Leben wäre lang, aber nicht auszuhalten. Gott sei Dank wird es so weit nicht kommen. Denn mit diesem Gesetz wird es wie mit allen Gesetzen sein: Die Menschen werden sich nicht daran halten. Falschparken ist verboten, dennoch wird falsch geparkt. Steuerhinterziehung ist untersagt, dennoch werden Steuern hinterzogen. Auch haben wir ein Sanktionsproblem: Wie soll man Sterbesünder bestrafen? Indem sie von Arnold Schwarzenegger persönlich am Leben erhalten werden? Vergiss dein Gesetz, Pereira da Silva! Ob du Friedhöfe hast oder nicht: Die Leute machen doch, was sie wollen.

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