Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Dieses Jahr wird man schon deswegen nicht so schnell vergessen, weil Jennifer Aniston 2005 zum „Mann des Jahres“ gewählt wurde und zwar in der US-Ausgabe von „Gentlemen’s Quarterly“. Das Magazin wurde aus diesem Anlass auf seiner Titelseite festlich dekoriert mit einem Foto von Herrn Aniston. Dieses zeigte ihn mit unbekleideter Oberweite in einer Weise, die auch dem unbedarftesten Gentleman rasch klar machte: Mr. Aniston ist eine Frau.

War sie nicht die Gespielin des anmutigen Herrn Pitt? Ja, sie war es, aber sie trennte sich von ihm (oder er sich von ihr?) und zeigte dabei „eine Menge Haltung, eine unglaubliche Menge Grazie und einen guten Humor“, so das Magazin, und man habe deswegen gar nicht umhingekonnt, sie zu ehren, nur: wie? Und wo? „Woman of the year“, das gibt es nicht in GQ. Also musste man Frau Aniston woanders unterbringen, und in anderen denkbaren Sparten wie „Sportauto des Jahres“ oder „Polopferd des Jahres“ ging das wohl nicht. Im Übrigen war es doch eine gute Gelegenheit für ein Männermagazin, zu zeigen, was ein Mann von seiner Frau erwartet, wenn er dieses oder jenes Affärchen mit einer anderen hat: Haltung, Grazie und Humor!

Von Brad Pitt jedenfalls heißt es, er habe eine zunehmend gefestigte Beziehung zu Angelina Jolie, die übrigens eine Weile lang einen Blutstropfen ihres früheren Gefährten in einer Kapsel um den Hals trug, eine Tatsache, die Kenner des Jahres 2005 unmittelbar an das „Wirbellose Tier des Jahres 2005“ erinnert: den Blutegel. Hier sind einige selbstkritische Fragen fällig: Haben wir den Blutegel in diesem nun zu Ende gehenden Jahr hinreichend gewürdigt? Haben wir seiner ausreichend gedacht, sein Jahr richtig genutzt? Sein schmerzarmer Biss, seine schrotsägenhaften Kiefer, seine Fähigkeit zu jahrelangem Hungern und Dürsten, seine ganze Bedrohtheit – das ist doch an uns vorbeigegangen, wie wir in einer Minute der Ehrlichkeit gestehen müssen. Nicht anders ist es mit dem Großen Klappertopf, welcher die Blume des Jahres gewesen ist, und der Zichorie, dem Gemüse 2005. Es ist ein bisschen peinlich. Dass Uli Wickert Krawattenmann 2005 war, dass Angela Merkel zur „Bundeskanzlerin des Jahres“ gewählt wurde – dieses Wissen hat jeder von uns parat. Aber auf die Frage, wer als „Molluske des Jahres“ geehrt wurde, schweigen wir. Es war der Tigerschnegel, tja, das ist nun auch vorbei.

Was hätte man tun müssen, was wurde versäumt? Den Schrei des Blutegels als Klingelton anbieten? Brad Pitt als „Weichtier des Jahres“ auf dem Titelbild von „Animal’s Quarterly“ abbilden? Wir blicken nach vorn. Der Ästige Stachelbart: Pilz of the year 2006. Lasst uns nichts versäumen! Was 2005 angeht, so ist nichts mehr zu tun. Nichts mehr zu ändern. Wir müssen uns trennen. Das Jahr geht, wir nicht, was bleibt? Nichts als unsere Haltung, unsere Grazie, unser Humor.

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