Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Winterspiele. Man schaltet den Fernseher ein und sieht: Berge. Berge, von denen sich Skifahrer stürzen. Berge, von denen Skispringer segeln. Berge, zwischen denen „Nordische“ herumlaufen. Eine Meldung kommt einem in den Sinn, die vor einer Weile in der Zeitung stand: Die Stadt Pikeville in Kentucky hat ein Unternehmen beauftragt, zwei auf dem Gebiet der Ortschaft liegende Berge einzuebnen. Denn Pikeville expandiert, es braucht Platz für Häuser und Geschäfte – der lässt sich nur gewinnen, indem man die Berge beseitigt. Bereits hat die Nachbarstadt Hazard durch Abtragung von Bergen Raum für Parkplätze und ein Krankenhaus geschaffen. Bei der Stadt Inez konnte an Berges Stelle ein Hochsicherheitsgefängnis entstehen. Prestonsburg ersetzte einen Berg durch einen Golfplatz.

Das liest man noch einmal, sieht wieder die Fernsehberge und denkt: Ist das alles noch zeitgemäß? Dass wir Berge haben. Allein die Alpen bedecken fast 200 000 Quadratkilometer – was könnte man dort alles bauen, wenn sich nicht steiler Fels aufschichtete und düstere Täler die Landschaft sinnlos zerschnitten? Wir plagen uns über Pässe, durch Tunnel Richtung Italien, graben uns unter dem Gotthard hindurch, muss das sein? Könnte man nicht auch die Alpen – abtragen? Die Berge. Petrarca bestieg im 14. Jahrhundert den Mont Ventoux, „allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen“. George Mallory, der vor 82 Jahren am Everest den Tod fand, antwortete auf die Frage, warum er auf Berge steige: „Weil sie da sind.“ Und was wäre, wenn sie nicht da wären?

Ohnehin leben wir in Zeiten der Verflachung, Einebnung. Wer hat noch Sehnsucht nach dem Hohen? Majestätischen? Dem Sitz der Götter? Kreischende Snowboarder scheppern auf ihren Brettern zu Tal, betrunkene Holländer segeln im Tiefflug über Kunstschnee, Täler sind verpestet von Pkw-Kolonnen, die Höhen verseucht vom Gejohle der Massen. Was groß war, haben wir klein gemacht, das Erhabene banalisiert. An jedem Wochenende sitzen auf den Gipfeln Dutzende und rufen mit ihren Handys die Bergwacht, um sich holen zu lassen. Die Alpen sind verbraucht, man sollte sie entsorgen. Das Skifahren wird im Rahmen der Klimakatastrophe in weiten Gebirgsteilen unmöglich.

An den Küsten aber könnte man Alpen-Abraum bei steigenden Meeresspiegeln gut gebrauchen, um Deiche zu errichten, die Hamburg und Holland vor dem Untergang bewahren würden. Nieder mit den Bergen! Pikeville hat den Anfang gemacht, lasst uns voranschreiten. Was sich einst auffaltete, kann man wieder zusammenfalten. Eines Tages werden die Kinder der Kinder von Reinhold Messners Kindern fragen: „Was war Uropa von Beruf? Bergsteiger? Und was ist ein Berg, hihi?“ Winterspiele. Ein letzter Blick noch auf die Berge. Danach: endlich anfangen, mit großem Gerät.

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