Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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En passant hat man jetzt erfahren, dass es einen Deutschen gibt, der einen wunderbaren Weltrekord hält: den im Luftanhalten. Ein Hamburger namens Tom Siestas ist vor anderthalb Jahren acht Minuten und 58 Sekunden lang unter einer Wasseroberfläche geblieben, ohne den kleinsten Atemzug zu tun. Warum haben wir erst davon gehört, als nun Magier Blaine nach 176 Stunden (während derer er atmete) in einem wassergefüllten, überdimensionalen Goldfischglas auch Siestas’ Rekord brechen wollte und das Atmen einstellte, leider nur für 7:08 Minuten, weit entfernt von der Leistung des herrlichen Siestas?

Immer noch ist Luftanhalten Minderheitensache. Aber jeder Mensch, der Kinder hat, weiß: In den Badewannen des Landes warten die Talente, sie halten die Köpfe unter Wasser, bitten ihre Väter, die Zeit zu stoppen, die sie unter schaumgekrönten Oberflächen verbringen, tauchen auf, japsen: „Wie lange?!“ Und sind wieder weg, auf der Jagd nach Brechung eigener Bestleistungen. Tag für Tag hören wir die Klage, es fehle an Straßenfußballern – wo seien sie? Ich sage: Sie sitzen im warmen Wasser und träumen, zu sein wie Tom Siestas!

Von James Thurber gibt es eine Geschichte „Vom Mann, der die Luft anhielt“. Sie handelt von Mr. Bidwell, der eines Abends im Wohnzimmer beginnt, die Luft anzuhalten. Dann „Pohhhhhh-h-h“ lustvoll ausatmet. Dies bei Partys und am Frühstückstisch immer wieder tut. Seine Frau verbittet es sich, Mr. Bidwell denkt nicht daran, sich Vorschriften, sein Atmen betreffend, machen zu lassen. Es entbrennt ein zäher Kampf um die Atemhoheit, an dessen Ende die Bidwell-Ehe gescheitert ist.

Man kann das als Parabel des Misanthropen Thurber über das Zusammenleben von Mann und Frau lesen – ist wohl richtig. Heute aber wollen wir’s verstehen als Beschreibung der Schwierigkeiten, unter denen Luftanhalter ihren Neigungen nachzugehen haben. Nichts zählt dieser Sport in unserer Gesellschaft. Seine Freunde müssen einsam in Kammern und Bädern ihrer Leidenschaft frönen. Ein Mann wie Siestas ist ein Unbekannter hierzulande, während Mister Blaine vor der Metropolitan Opera in New York seinem Sport nachging, bewundert von einer unübersehbaren Menge.

Man stelle sich vor, in den Stadien, die für das Scheitern unserer Fußballelf erbaut wurden, stünden Aquarien, unter deren Wasserspiegeln die Leiber junger Männer verschwänden, während auf den Rängen Zehntausende den Atem anhielten: Wer taucht zuletzt auf? Wer hielt am längsten die Luft an? Wer entsteigt vor ihm seufzend den Fluten? Da!, der Engländer, dort!, der Amerikaner, schließlich ein japsender Brasilianer – während unser Mann als Letzter aufschießt, Vertreter einer großen Luftanhalte-Nation, den ersten Kommentar in ein Töpperwien-Mikrofon hineinkeuchend – ach, Fußball … Was soll das?

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