Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

-

In der „Welt“ stand dieser Tage ganz vorne und ganz oben: „Fußball-WM versetzt die Verbraucher in Kauflaune.“ Kauflaune … Man spürt in sich hinein – ist da drinnen etwas von dieser Laune? Möchtest du kaufen? Möchtest du in die Shops und Malls und Märkte ziehen? Und, wenn ja, war es die noch immer nicht begonnen habende Fußball- WM, die dich in diese Stimmung versetzte? Noch nie seit 1980, wird in der „Welt“ berichtet, sei die „Anschaffungsneigung“, teure Güter wie Autos und Möbel betreffend, so hoch gewesen wie jetzt. Und was kleinere Güter angehe: Adidas habe statt der geplanten 500 000 deutschen WM-Trikots bereits eine Million verkauft. Wie ist das möglich? Haben sich tatsächlich so viele Menschen Hoffnung gemacht auf einen Platz im Klinsmann-Kader, der doch nur 23 Männer umfasst? Dass sie sich bereits ein Trikot anschafften, obwohl sie nicht mal zu einem Trainingslager geladen waren? Wie soll man das werten? Zeichen bedingungsloser Einsatzbereitschaft? Oder doch etwas wie Realitätsferne?

Jedenfalls scheint nach wie vor von der WM viel abzuhängen. Wobei man sich jetzt, kurz vor Beginn, doch endlich fragen muss: Sind wir wahnsinnig, uns von so etwas Unberechenbarem wie Fußball abhängig zu machen? Hat es nicht den Erfolg unseres Landes ausgemacht, dass wir Berechenbarkeit und Stetigkeit in des Lebens Lauf brachten? Deutschland: das Land der Lebensversicherungen, der Bausparverträge. Nun hängt unser Schicksal an Spielen. Was, wenn Costa Rica, Polen, Ekuador unsere Männer vom Rasen jagen …?

Kauflaune. Reicht es nicht, dass es so schlimm-unwägbare Dinge wie „saisonal bedingte Arbeitslosigkeit“ gibt? Was das Kaufen angeht: Es war nie eine Frage der Laune in Deutschland. Dieses Land ist mit Schlussverkäufen groß geworden. Mit langen Schlangen, die in bitterer Kälte auf die Öffnung der Kaufhaustüren warteten. Mit knallhartem Einsatz am Wühltisch. Vergessen wir nicht die deutsche Hausfrau, die noch jede Konkurrentin um ein Sonderangebot weggrätschte, wenn es sein musste! Unsere Eltern haben nie zu Hause gesessen und auf Erzeugung irgendwelcher Launen gewartet, sie sind hinausgegangen in die Fußgängerzonen und haben gekämpft. Und es sind die tristen Tage gewesen, an denen sie zur großen Form aufliefen und konsumierten, was der GfK-Index hergab.

Kauflaune – das mag etwas für Brasilianer sein. Konsumklima, Verbraucherstimmung, Anschaffungsneigung, ha! Wir müssen aus der Defensive heraus unser Spiel machen, anders ist es nie gewesen, vergesst die deutschen Tugenden nicht! 0:1 gegen Costa Rica, dann her mit dem Flachbildschirm. 1:4 gegen Polen, heraus mit dem Portemonnaie und den Baumarkt gepflügt. 2:7 gegen Ekuador? Scheckkarte zwischen die Zähne und hinein ins Autohaus! Hurra, hurra, hurra! Danke und viel Glück.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben