Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Früher, liebe Kinder, war der Sommer eine Zeit, in der nichts passierte. Nur die Sonne schien, und die Seen waren noch da, damit man in ihnen baden konnte. Und die Zeitungen erschienen. Das war ein Problem. Was sollte in den Zeitungen stehen, wenn nichts passierte? Sollten sie nicht einfach Pause machen, im Sommer? Das ging nicht, die Menschen wollten etwas lesen, wenn sie nicht badeten, und außerdem wollten sie wissen, dass nichts passierte, wenn nichts passierte, und wie sollten sie das erfahren, außer durch Zeitungslektüre?

In dieser Not entstand eine seltsame Kategorie des Zeitgeschehens. Dinge passierten, die eigentlich nicht passierten. Im Loch Ness wurde ein Monster gesehen, das es nicht gab. Im Himalaya stapfte ein Wesen namens Yeti herum, dem nur Reinhold Messner je die Hand gegeben hatte. Ein Politiker namens Möllemann, der das Jahr über keine Rolle spielte, war für kurze Zeit ein Riesenstaatsmann. Und kaum war der Sommer vorbei, und es passierten wieder richtige Dinge, schwupp!, sprach kein Mensch mehr von Nessie, Yeti, Mölli. Diese Sommer, in denen nichts geschah, waren Zeiten des Unwesentlichen, Uneigentlichen, Scheinbaren. Ein Bär namens Nurmi durchwanderte die Steiermark. Ein Kaiman namens Sammy tauchte in einem Baggersee unter, das war 1994. Krokodile schwammen auf Baumstämmen den Rhein hinab, auf Mallorca tauchten in einem Pool ein Verteidigungsminister namens Rudi und eine Gräfin Pilati auf. In Bad Pyrmont hüpfte Känguru Manni 1999 vom Zoo zum Bahnhof und verreiste. Nun ist es mit dem Sommerloch aber vorbei. Entweder es gibt keine Sommer mehr, wie vergangenes Jahr. Oder wir haben kein Loch, das heißt, es passieren Dinge, obwohl Sommer ist. Wie jetzt. Die Fußball-WM. Doch seltsam: Obwohl das Uneigentliche nicht mehr gebraucht wird, geschieht es weiter. Ein Bär mit Namen Bruno besucht Bayern. Ein Tölzer Bulle namens Otti wird am Tegernsee neben einer Dame aus dem „Wiener Bikini-Milieu“ (Süddeutsche Zeitung) entdeckt. Der Bär taucht vor Polizeistationen und Lämmerweiden auf, er kollidiert mit einem Auto und nimmt Schafe sowie ein Meerschwein zu sich. Otti stolpert über eine Autobahnleitplanke, man sieht ihn darauf nackten Oberkörpers im Krankenhaus, dort isst er Königsberger Klopse sowie Wurst- und Käsebrote und ruft ganz jämmerlich laut nach seiner Frau.

Warum geschieht all dieses? Die Zeitungen sind doch voll von Ungeheurem. Ist es Gewohnheit? Oder gibt es in uns ein unauslöschliches Bedürfnis nach Unwesentlichem, Sommerlochhaftem? Und was wird aus „Problembär“ („Bild“) Bruno und „Problembulle“ („FAZ“) Otti, wenn der Sommer zu Ende geht? Ein Happy End? Bär und Bulle, Hand in Hand durch Herbstwälder wandernd, Meerschweinchen und Klopse brüderlich teilend, unterwegs ins große Nichts …

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