Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Dieser Sonntag, er hätte unter bestimmten Bedingungen der ideale deutsche Sonntag werden können. Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Finale des Tennis-Turniers in Wimbledon. Tour de France. (Und kein Formel-1-Rennen? Nein, kein Formel- 1-Rennen, danke schön.) Man hätte sich Zeiten vorstellen können, in denen wir bei allen drei Ereignissen sehr prominent vertreten gewesen wären, mit Olli, Ulle und Boris, so etwa, obwohl, haben die jemals gleichzeitig …? Egal. Man stelle sich das vor: Morgens die Tour, dann Tennis (am Tag zuvor hätte ja schon Steffi ihr Finale gewonnen), abends Fußball. Und immer auf Hochtouren, immer auf dem Weg zum Sieg, immer am Rande der Ohnmacht, der Patriotismus-Pegel am Anschlag und die Sportverächter auf den Zinnen: Ja, seid ihr denn …!?

Es ist anders gekommen. Wir sind nirgends dabei. Ulle – wo ist er eigentlich? Daheim bei Frau und Kind? Den Kopf auf ein Blutbeutelkissen gebettet, die Augen tränenschwer, „ich bin ein Opfer, ich bin ein Opfer“ murmelnd. Boris auf der Fußballtribüne, die Namen seiner Nachfolger kennt man ja kaum noch, wozu auch? Und unsere Fußballer auch schon an den Fernsehgeräten, daheim?

Egal, egal, egal. Wir wollen diesen Tag als schön empfinden. Endlich ist wieder Zeit, sich beim Frühstück in Ruhe über die Gesundheitsreform auszutauschen. Die vielen spannenden Aufsätze über die innere Verfassung der Regierung nachzulesen, die wir über Wochen nur aufheben konnten, nicht wirklich studieren. („Nickeligkeiten in der großen Koalition“ meldet die „FAZ“, dass ich es noch erleben darf!, das Wort „Nickeligkeiten“ in einer „FAZ“-Schlagzeile.) All die Freuden, die wir uns wochenlang versagen mussten, weil immerzu Fußball war, Fußball, Fußball … Auch heute Abend ist Fußball, Italien gegen Frankreich, nicht schlecht im Grunde, dass es so gekommen ist, man kann langsam auf emotionales Normalnull kommen, es ging so nicht weiter.

Andererseits muss man für eine der beiden Mannschaften sein, das ist die Frage des Tages: Was mache ich jetzt? Bin ich für Italien? Für Frankreich? Für Italien spricht, dass man dann sagen könnte, die Klinsmannschaft sei bei der WM nur dem Weltmeister unterlegen gewesen, ein starkes Argument. Auch müssen wir an gut gelaunten Italienern ein Interesse haben, wir fahren bald wieder zu den Freunden. Andererseits: Frankreich. Die Würde des Alters. Man grätscht alte Herren nicht um, Gattuso! Haben Sie nie das Wort Respekt gehört, Cannavaro? Frankreich hat erst einen Weltmeistertitel, Italien und Deutschland schon je drei. Und: Zidane! Der größte lebende Fußballer in seinem letzten großen Fußballspiel. Ich könnte es nicht ertragen, wenn er verliert. Es ist mir egal, ob Italien oder Frankreich heute abend vorne liegt, ehrlich. Aber Zidane muss gewinnen.

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