Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Eine Woche ist nun alles her, aber immer noch denkt man über Zinedine Zidane nach und seinen Coup de boule in die Rippen des verkommenen Flegels Marco Materazzi. Wie ist es möglich, dass Zidane auch Tage nach seiner Tat im WM-Finale sich zwar bei den Kindern der Welt entschuldigt, aber die Sache an sich nicht bedauert?! Was heißt das anderes als: Es tut mir leid, dass ihr zuschauen musstet, aber ich musste es tun, auch wenn es euch gegenüber unverzeihlich ist?! Was offenbart sich da für eine primitive Denkweise à la „Er hat nun mal meine Mutter und meine Schwester beleidigt, was sollte ich machen“? Was bedeutet das für die Fußballplätze und die Straßen, den Alltag der Jugendlichen, die durch Zidane verleitet werden, in den gleichen archaischen Kategorien zu denken und zu handeln?!

Der Fußball ist, das wird manchmal vergessen, auch ein beständiges symbolisches Ringen um die Zivilisierung des Menschen. Das Gemeine, Brutale wird durch abstoßende Kerle wie Materazzi vertreten. Er repräsentiert einen Typus, der auf jedem Fußballplatz zu finden ist: den unentwegt Beleidigungen aller Art von sich gebenden, um sich tretenden, andere physisch und psychisch verletzenden Rohling. Jeder große Spieler kann ein Lied von solchen Lümmeln singen. Schon Pelé sah sich im WM-Finale 1970 einer Person namens Bertini gegenüber, der ihn immer wieder so foulte, dass niemand es sah – freilich ergebnislos; Pelé blieb, anders als Zidane, Sieger und wurde Held des Turniers. Oder Klinsmann. Der sagte mal zu einem Gegenspieler vor dem Kick, das sei hier aber ein weiter Weg von den Kabinen zum Platz, worauf der entgegnete: „Macht nichts, zurück wirst du getragen.“ Und: Wäre Deutschland 1954 Weltmeister geworden, hätte nicht Werner Liebrich im Vorrundenspiel gegen die Ungarn deren Spielmacher Ferenc Puskás so schwer gefoult, dass der erst im Finale – und dort nur geschwächt – wieder zum Einsatz kam? Nein, das Böse ist immer und überall. Worauf es ankommt: ihm angemessen zu begegnen. Zidane stand Kerlen wie Materazzi hunderte von Malen gegenüber, er hätte lernen müssen, mit ihnen umzugehen. Und wenn es ihm schon nicht möglich war, hätte er hinterher Bedauern zeigen müssen.

Die Materazzis dieser Welt kann man nur fußballerisch besiegen oder gar nicht – darin liegt, unter anderem, der Sinn des Spiels. Und es hilft nichts, sich nun zurückzulehnen und zu sagen: Aaah, ist Fußball nicht größer als Theater, weil es Wirklichkeit ist? Oder: Zidane ist trotz allem einer der Größten, die je auf einem Fußballfeld standen. Wenn der Sport keinen moralischen Anspruch mehr hat, wenn er nichts mehr zur Kultur der Menschheit beitragen will, sondern nur auf primitive Weise Konflikte erzeugt und dann austrägt – wozu brauchen wir ihn? Gemessen daran hat Zidane versagt, während seines letzten Spiels.

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