Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Jubiläen 2006 (III): 160 Jahre schmerzfreies Zahnziehen. Das wissen wir heute gar nicht mehr richtig, wie entsetzlich Zahnweh früher war. Weil es oft nie nachließ. Ein ganzes Leben lang. Von George Washington gibt es ein Bild, da steht der General, 47 Jahre alt, auf eine Kanone gestützt. Auf seiner linken Wange sieht man eine große Narbe, verursacht wohl von einem Zahnabszess, der eine Fistel nach sich zog. Fürchterliche Schmerzen. Washington litt jahrzehntelang, war berüchtigt für Launenhaftigkeit, die hier ihre Ursache hatte. Und hatte, als er Präsident wurde, nur noch einen einzigen Backenzahn, unten links. Ein Maler, der ihn 1796 porträtierte, polsterte seine Lippen innen mit Watte, um die natürlichen Linien des Mundes wiederherzustellen – was Washington auf dem Bild ein seltsam großmütterliches Gesicht gibt.

Zahnweh. Oft wird als Datum der ersten schmerzfreien Zahnextraktion der 30. September 1846 genannt. Bis dahin war Zähneziehen eine Viecherei, mit Hypnose linderte man die Schmerzen. Am Abend des genannten Tages kam ein Mann zum Bostoner Zahnarzt William Thomas Green Morton, hatte große Schmerzen und wollte einen Zahn gezogen haben. Morton hatte zuvor, ausgebildet von einem Chemiker namens Jackson, an Kleintieren und sich selbst mit Äther experimentiert, bot dem Patienten kurzerhand ein äthergetränktes Tuch an – und zog dem Ohnmächtigen seinen Zahn. Nach einer Minute erwachte der ohne Erinnerung. Zwei Wochen darauf wurde zum ersten Mal jemand unter Äthernarkose operiert, Abbott hieß er, hatte einen Tumor im Hals.

In Wahrheit hat die erste schmerzlose Zahnziehung aber bereits 1844 stattgefunden. In jenen Jahren wurden in den USA oft öffentlich „Lachgas-Possen“ vorgeführt. Man verabreichte Leuten Lachgas (das vor der Beruhigung einen Erregungszustand hervor ruft) und amüsierte sich über ihr Herumtaumeln. Der Zahnarzt Horace Wells sah eine Vorführung, bei der sich ein junger Mann schwer am Bein verletzte, davon aber nichts bemerkte. Wells begriff, was das bedeutete, ließ sich am nächsten Tag unter Lachgas-Betäubung einen Zahn ziehen und rief, kaum erwacht: „Eine neue Ära des Zahnziehens ist gekommen!“

So war das. 1845 wollte Wells den Erfolg öffentlich zeigen, machte aber einen Fehler, worauf der Patient schrie. Das Publikum pfiff den Doktor aus. Lange stritt man, wer der wahre Entdecker der Narkose sei. Die Auseinandersetzungen ruinierten alle Beteiligten. Morton starb als Bettler. Der Chemiker Jackson verfiel dem Wahnsinn. Wells beging in einem New Yorker Gefängnis Selbstmord durch Schnitt in die Beinschlagader, nicht ohne sich vorher lokal betäubt zu haben.

Drei große Männer. In Wahrheit feiern wir dieses Jahr 162 Jahre schmerzfreies Zahnziehen. Aber egal. Wir sollten es jeden Tag feiern.

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