Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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J ubiläen 2006 (IV und Schluss): 100 Jahre Dauerwelle. Das Haar wächst, wie es will, lockig oder glatt, üppig oder schütter, und wo es nicht mehr will, wächst es nicht mehr. Doch ewig ist des Menschen Mühe, sich das Haar zu unterwerfen. Es sprießen zu lassen, wo die Natur aufgegeben hat. Es zu zähmen, wo es widerspenstig ist. Es zu „big hair“ zu formen, wo es müde auf des Hauptes Haut liegen möchte.

Einer der Großen dieses Ringens war Karl Ludwig Nessler, der in Todtnau/Schwarzwald geboren wurde, sich später in der Schweiz Charles Nessler nannte, in Frankreich und England Charles Nestlé und am Ende in Amerika …? Ich weiß es nicht. Er kam als armer Leute Kind zur Welt, starb arm in New York, ruiniert vom schwarzen Freitag 1929, einem Wohnungsbrand, dem Krieg. Dazwischen war er reich – und warum? Weil er die Dauerwelle erfunden und sich hatte patentieren lassen und zwar mit Hilfe seiner späteren Frau Katharina. Ihr band er zum ersten Mal drei Haarsträhnen ab, benetzte diese mit einer alkalischen Tinktur, wickelte jede um jeweils einen Metallstab und setzte eine glühende Zange an.

Die erste Strähne löste sich bis auf verkohlte Reste vom Haupt der Dame. Die zweite blieb, auf einer Brandblase sitzend, glatt. Die dritte jedoch wellte sich. Und blieb gewellt, auch nach mehrmaligem Waschen. Später heiratete Katharina den Charles, und im Oktober 1906 konnte der Mann die Erfindung der Öffentlichkeit vorstellen. Die wasch- und haltbare Welle. Die Dauerlocke. Auch wer nicht reich war und nicht die Zeit hatte, sich jeweils stundenlang vom Onduleur behandeln zu lassen, hatte plötzlich verlockendes Haar. Nessler/Nestlé trieb die Gleichheit der Lockenverhältnisse voran, oder, wie es kürzlich „Die Welt“ ausdrückte: Er brachte im „bis dahin von sozioökonomischer Apartheid geprägten Raum der Frisurlebensstile einen Distinktionsgewinn für Minderprivilegierte ganz im Sinne von Pierre Bourdieu“. (Bourdieu, der Soziologe. Nicht der Friseur.)

Nun sind die ganz großen Zeiten der Dauerwelle ja vorbei, sie begannen mit Sophia Loren und dauerten … bis Claudia Schiffer? Heute dominiert die Kurzhaarfrisur. Aber die Dauerwelle bleibt eine Möglichkeit und wird gewiss einmal wieder eine große Zeit haben. Das ganze Jahr gedenken wir ihres Erfinders, dessen Grundfaszination, ja, liebe Leserinnen, beim Ziegenhüten entstand. Da beobachtete Klein-Karl, wie bei aufziehendem Regen Blumen und Gräser sich wie Locken zusammenzogen und nach zwei, drei Stunden Sonnenschein wieder gerade wurden. „Der Morgentau“, sagte er später, „hatte sich in ihre Zellen geflüchtet, sie ausgefüllt, die Stängel in die Weite getrieben und die Länge zusammengezogen.“ Der Morgentau. Im Haar. Im lockigen Haar. Der Frauen. Gefangen. Wahnsinn! Der Kampf geht weiter. La locka continua.

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