Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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In der Ostsee ist eine amerikanische Rippenquallen-Art aufgetreten, die Fachleute unter dem Namen „Meerwalnuss“ kennen. Mitte Oktober fand man sie, wie ich las, zum ersten Mal in einer „Routinewasserprobe“: 30 Exemplare pro Kubikmeter. Einen Monat später waren schon dreimal so viele Quallen-Individuen im Routinewasser. 90! Pro Kubikmeter! Das klingt, als sei es sehr viel, der Laie hat das Gefühl, würde er nun zu einem adventlichen Bad in die Ostsee steigen, wären es möglicherweise nicht Wasserwellen, die seinen Körper umschmeichelten, sondern Rippenquallenkörper. Als bestünde unsere liebe Ostsee nicht mehr aus Wasser, sondern aus wogenden schleimig-weichen Meerwalnüssen.

Verstörende Nachrichten. Und wir sind verstörte Menschen. Nichts ist mehr so, wie es war, nichts wie wir es gerne hätten. Im Allgäu hat man 22,2 Grad Celsius gemessen, noch nie „seit Beginn der Wetteraufzeichnungen“ sei es nach einem 20. November in Deutschland so warm gewesen, teilt der Wetterdienst Meteomedia mit. Man kann es nicht mehr hören: seit Beginn der Wetteraufzeichnungen! Jeden Tag ist irgendetwas so, wie es nie war seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, eine entsetzlich-unscheinbare Formulierung. Das kann nur ans Ende aller Wetteraufzeichnungen führen.

Erster Advent. Menschen irren über Weihnachtsmärkte, alle zu warm angezogen. Wobei die Zahl der Märkte zu explodieren scheint, bei Routineproben entdeckte man kürzlich eine seit Beginn der Weihnachtsmarktaufzeichnungen unbekannte Menge von Weihnachtsmärkten pro Kubikmeter Deutschland. Kein deutscher Platz ohne Weihnachtsmarkt, eine Art Todesblüte, letzte verschwenderische Pracht von Chinapfannen, Glühweinhütten und Punschbuden. In Zukunft werden wir diese Plätze für jene Zeltstädte benötigen, in denen die Brüder und Schwestern von den Küsten leben müssen, deren Städte und Dörfer unter gestiegenen Meerwalnussspiegeln begraben werden.

Seltsam, wie sehr bei uns Weihnachten mit Winter verbunden ist, obwohl in Bethlehem höchst selten Frost herrscht. Wie in höchster Verzweiflung hat man am Potsdamer Platz eine Schneerutsche aufgestellt, ja, in Düsseldorf fand vor einer Weile wieder mal ein Weltcuprennen im Skilanglauf statt. Kunstwinter. Schon immer hat es Menschen gegeben, die Weihnachten auf den Kanaren verbrachten, aber wer hätte je gedacht, dass die Kanaren eines Tages zu uns kämen? Übrigens habe, sagen Forscher, das massive Auftreten der Meerwalnuss (die mit ihrem Planktonappetit die Fische als Nahrungskonkurrent bedrohe) nicht unbedingt mit der Erwärmung der Ostsee zu tun. Ehrlich gesagt könne man es nicht erklären. Ächz. Das ist das Letzte, was man jetzt braucht: Dass neben allem Erklärlichen auch noch Unerklärliches geschieht.

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