Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Oft, wenn es Weihnachten wird und es sonst keine Nachrichten gibt, weil alles auf Weihnachten hindrängt und hinwartet, hören wir Geschichten von den jeweiligen SPD-Vorsitzenden und wie ihnen das Schicksal begegnete, ja, wie sie Schicksale lenkten und beeinflussten. Einem SPD-Vorsitzenden in der vorweihnachtlichen Zeit über den Weg zu laufen, ist Chance und Risiko. Es kann dein Leben wenden, wenn du es wenden willst, kann dich retten, wenn du gerettet werden musst. Du kannst aber auch ins gesellschaftliche Abseits gelangen und derart zum Paria werden, dass dich selbst der FDP-Vorsitzende beleidigen darf, so tief bist du dann gesunken.

So geschah es jetzt dem arbeitslosen Henrico, dem auf einem Weihnachtsmarkt der SPD-Vorsitzende Beck erschien (oder erschien Henrico dem Beck?), worauf Henrico Beck etwas zurief, was seinerseits Beck, selbst nicht der Rasiertesten einer, veranlasste … Aber das wissen wir alles. Wir wollen uns lieber erinnern, wie vor Jahren der SPD-Vorsitzende Schröder einer Gans namens Doretta erschien (oder erschien die Gans dem Vorsitzenden?), worauf Schröder sie zur persönlichen Weihnachtsgans ernannte und zu verspeisen ankündigte. Es erhob sich aber ein Protest gegen die Absicht, vorgetragen von der Öffentlichkeit und der Vorsitzendentochter Klara, woraufhin Schröder ein Ganswort sprach, das Tier begnadigte und ihm sorgenfreies Leben versprach, gesichert durch einen Privatscheck. Und nun? Nun protestierte (Sie erinnern sich!?) der Deutsche Gänse-Verband: Was für eine schamlose Verlogenheit es sei, einer Gans das Leben zu schenken, während hunderttausend andere in die Bratröhre blickten! Die großen Zeitungen der Republik starteten eine Kampagne. Prominente ketteten sich an lebende Gänse, die auf dem Weg zum Schlachthof waren. Chefredakteure reisten aufs Land, um weiteren Gänsen das Leben zu schenken. Gottschalk veranstaltete eine weihnachtliche Gänse-Gala; die Zeitschrift „Bunte“ verlieh ihm den Gansi dafür. Das ganze Land erhob sich zur Solidaritätsaktion „Mach meine Gans nicht an“, Menschen strömten auf die Bauernhöfe und umarmten die Gefiederten. Überall gab es Weihnachten Rotkohl und Klöße, aber nichts dazu, und nachts bedeckten wir uns mit Entendaunen und hofften, dass die Enten nichts davon erführen.

So ist es geblieben. Was für eine schöne Sitte! Was für ein gutes Land! Nur die Gänsezüchter sind sauer, sie haben früher gutes Geld verdient und ordentlich zu essen; nun pflegen sie bloß Herden alter, gebrechlicher Gänse und wissen nicht, was die Zukunft bringt. Vor dem nächsten Weihnachtsfest planen sie, in die Nähe von Kurt Beck oder seines Nachfolgers zu kommen und ihm etwas zuzurufen – aber was? Bange ist ihnen schon, es kann auch nach hinten losgehen, und alles wird noch schlimmer für sie.

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