Politik : Und was mache ich jetzt?

Von Axel Hacke

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Nun, da ein großes Jahr zu Ende geht, wollen wir an Großes denken, die Liebe zuerst, die irre, gewagte, unerfüllte Liebe, wie wir sie zum Beispiel in Münster sahen, wo eines Tages im Jahr 2006 ein schwarzer Schwan namens Petra landete, um sich ersten Blickes in ein schwanenförmiges Tretboot zu verlieben, ja, es anzubeten. Nun, so etwas kann passieren, jeder von uns hat sich mal in ein hübsches Tretboot verknallt, kehrte Tag um Tag zu ihm zurück, um seine schnittigen Formen zu bewundern, ihm süße Worte zuzuflüstern und zu versichern, nie werde es in unserem Leben ein anderes Tretboot geben. Das vergeht.

Im Fall der Schwanin Petra jedoch war an Trennung nicht zu denken. Zu groß war ihre Verehrung für den stummen, voll im Saft stehenden Tretkerl. Der Zoo Münster bietet zur Zeit den beiden gemeinsames Obdach, und man entsinnt sich – das ist fünfzehn Jahre her – eines Falles, der vorm Oberlandesgericht Hamm verhandelt wurde: In dessen Zuständigkeitsbereich hatte ein Rennpferd namens „Landliebe“ mit einem Schaf die Boxe geteilt, bis das Schaf verstarb, was Landliebe so bekümmerte, dass es dem Stallgenossen ein halbes Jahr später nachfolgte. Zum Prozess war es gekommen, weil Landliebes Besitzerin vom Stallbesitzer Schadensersatz verlangte; sie war der Meinung, man hätte dem Pferd ein Ersatzschaf beschaffen müssen, ein „Beistellschaf“, wie es im Prozessbericht in Verkennung der emotionalen Tiefe dieser Beziehung hieß.

Für das Münsteraner Schwanenpaar kann man angesichts der Langlebigkeit von Tretbooten nur optimistisch gestimmt sein und die Gedanken zur zweiten großen Love Story des Jahres schweifen lassen, der Verehrung eines Pfaus namens „Mister P.“ für die Zapfsäule einer Tankstelle in Brierley/England. Seit drei Jahren schlägt Mister P. vor der Säule Rad um Rad, doch bleibt er unerhört. Fachleute erklären das Begehren des Pfaus (das Wort „Entflammtsein“ verbietet sich, wenngleich angemessen, aus feuerpolizeilichen Gründen) mit dem klackenden Geräusch der Säule, das den Tönen brünstiger Pfauenweiber ähnelt. Welcher Dichter wird je dieses Unglück besingen?!

Ein neues Jahr. Wird man in Münster, zur Überraschung aller Schwanenkenner, auf dem Zooteich eines Morgens kleine schwarz-weiße Schwanen-Tretboote schwimmen sehen? Werden durch Brierley, der Skepsis aller Zapfsäulenkundler zum Trotz, plötzlich allerliebst befiederte, entzückende kleine Supersäulen wandeln? Und, bitte: Zu wem wollte Bär Bruno im Sommer dieses Jahres wirklich? Hatte er sich in Edmund, die alte Säule in der Münchner Staatskanzlei, verliebt, in sein klackendes, rätselhaft-erotisches „Ääh“? Wollte er ihm ein Beistellbär sein, ihm, der dann sein Todesurteil fällte? Welches Drama haben wir hier übersehen, welches unglaubliche Drama?

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